Die Gesellschaft und ihre Doppelmoral

von Ulf Schleth und Seda Niğbolu

Image by podoboq/Flickr

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BDSM ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zumindest scheint es so. BDSM bedeutet „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ und steht für sexuelle Spielarten, die mit Macht, Unterwerfung, Dominanz und Gewalt zu tun haben: vom allseits beliebten Rückenkratzen und dem Durchkitzeln bis zu fortgeschritteneren Methoden der Folterung.

In Großstädten werden BDSM-Stammtische und Workshops für Bondage-Techniken angeboten, der kunstvollen Fesselung, die den Gefesselten auch dazu dient, in einer reizüberfluteten Welt abzuschalten, Verantwortung abzugeben und derart befreit ihre Sexualität leben zu können.

Es ist Mai. Im Münchner Stadtteil Schwabing-Freimann scheint die Sonne auf eine große Halle und die ersten Gäste der „BoundCon XI European Fetish Convention“, Europas größter Messe für Fetisch- und BDSM-Freunde. Unbedarfte Spaziergänger fragen, ob dort ein Kostümball stattfinde.

Die Besucher stammen aus verschiedenen sozialen Schichten und Berufsgruppen. Sie tragen ausgefallene Outfits aus Lack, Leder und Latex. Vor einem Stand mit Sexspielzeugen unterhalten sich zwei Menschen in Vollkörper-Latexbekleidung, ihr biologisches Geschlecht ist nicht erkennbar. Sie reden darüber, welches die beste Variante des Betriebssystems Linux ist.

Keine geifernden Typen auf BDSM-Events

Auch dass am Stand nebenan eine Frau eine Peitsche an ihrer männlichen Begleitung ausprobiert, stört niemanden. Auf den Bühnen wird gefesselt. Meistens Frauen, manchmal auch Männer. Anja, eines der Modelle, sagt, die Stimmung sei „viel angenehmer als auf normalen Erotikmessen. Keine geifernden Typen, niemand versucht, einen anzugrapschen“. Es herrscht eine freundliche Jahrmarktatmosphäre. Dies ist deutlich erkennbar kein Ort, an dem sich „perverse Triebtäter“ wohlfühlen würden.

Im BDSM wird überhaupt viel geredet. Schon beim Kennenlernen gibt man sich zu erkennen: Man ist dominant, devot, „switch“ und steht auf beides oder auf ganz etwas anderes. Laut der privaten Website „Kink Research“, die zehn wissenschaftliche Studien miteinander verglich, kommt im Durchschnitt auf jeden dominanten Mann ein devoter, auf jede dominante Frau vier devote. Aber immer gilt der Grundsatz „safe, sane und consentual“, also „sicherheitsbewusst, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich“. Ansprachen und Vertrauen haben höchste Priorität, zwischen Realität und gelebter Fantasie wird strikt unterschieden.

In Szene-Foren wird davon ausgegangen, dass es dabei zu wesentlich weniger sexuellen Straftaten kommt als in der „normalen“ Gesellschaft. Gleich zwei Studien, eine der australischen University of New South Wales von 2009 und eine der niederländischen Tilburg University von 2013, beschäftigen sich mit den Zusammenhängen von psychischer Gesundheit und der Neigung zu Missbrauch in der BDSM-Szene – sie zeigen, dass deren Anhänger ausgeglichener sind und seltener unter psychischen Problemen leiden, die zu sexuellen Straftaten führen könnten.

Entspannter Umgang mit Machtverhältnissen

Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit jedoch steht im starken Gegensatz zu dem entspannten Umgang der Szene mit Geschlechter- und Machtrollen. Während in der Verfilmung des Romans „Die Geschichte der O“ in den Siebzigern noch relativ unvoreingenommen mit dem Thema umgegangen wird, verbindet die Trilogie „Shades of Grey“ von 2011 die sadomasochistische Praxis mit traditionellen Geschlechterverhältnissen, mit Liebe, Ehe und Reproduktion. BDSM rückt so in die Nähe psychischer Erkrankungen und Kriminalität – Mord, Prostitution und Kindesmissbrauch. In einigen Medien wird der Roman gern als Zeichen eines wiedererstarkenden Machismo interpretiert, Belege aber gibt es dafür nicht.

Vor diesem Hintergrund beeinträchtigen private Vorlieben auch immer wieder politische Karrieren: Die „schöne Landrätin“ Gabriele Pauli wurde 2007 von ihren CSU-Genossen öffentlich dafür kritisiert, dass sie sich in Latexbekleidung hatte ablichten lassen; Fotos eines Bondage-Workshops, an dem die saarländische Piratin Jasmin Maurer teilnahm, wurden in die Massenmedien gezerrt und politisch instrumentalisiert; und ebenfalls pünktlich zur Bundestagswahl 2013 beleuchtete die Bild das Privatleben des FDP-Politikers Hans Müller, der bei der Szene-Kontaktbörse „Sklavenzentrale“ ein öffentliches Profil hatte, präsentierte ihn wie einen Gewaltverbrecher.

Während Kulturprodukte zum Sadomasochismus reißenden Absatz finden, wird er gesellschaftlich weiter geächtet. Während sich das freie Ausleben der Neigungen offenbar positiv auswirkt, wird BDSM gesellschaftlich kriminalisiert. Diese Doppelmoral wird durch den Umgang des Feminismus mit Dominanz und Unterwerfung noch deutlicher: Männliche Dominanz wird als Hass gegen Frauen gewertet. Einer freiwillig sexuell unterwürfigen Frau wird vorgeworfen, sie reproduziere die Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft. „Wie kannst du deinen Körper so behandeln lassen?“, werden sie immer wieder gefragt. Damit wird ihnen die Fähigkeit zu einer eigenen, freien Entscheidung abgesprochen.

Wie fühlt sich aber eine Frau, die noch nicht selbstbewusst entdeckt hat, dass ihre sexuelle Neigung zu Schmerz oder Unterwerfung ausleben kann? Sie verspürt Scham und Schuld. Nicht nur sich selbst, auch Gewaltopfern gegenüber, weil ihr oft mangelndes Mitgefühl unterstellt wird. Die Folge: Sie und ihr Umfeld suchen sich ein psychisches Trauma als Erklärung – ein Zusammenhang, den die genannten Studien ja genau umkehren. Kein Wunder also, dass BDSM-Veranstaltungen Ruhe und karnevaleske Freude ausstrahlt, die selbst von der aggressiven sexuellen Spannung eines normalen Ausgeh-Abends weit entfernt ist.

Weiblicher Masochismus als Kollaboration?

Alice Schwarzer sollte es bedauern, dass laut einer Psychologie heute-Umfrage von 2000 nur rund ein Prozent aller Männer und Frauen SM praktizieren – statt sich darüber zu freuen. Es ist ein Widerspruch, dass sie sich positiv zu „Shades of Grey“ äußert, nur weil die Protagonistin sich am Ende verweigert. Anscheinend hat Schwarzer weder das Buch noch BDSM verstanden. „Weiblicher Masochismus ist Kollaboration!“, hat Schwarzer einmal gesagt. Der sexpositive Feminismus, der die uneingeschränkte sexuelle Freiheit als wesentlich für die Gleichberechtigung ansieht, setzt seit den Achtzigern vor allem in den USA vor allem auf: mitmachen. Die Feministinnen dort fordern, dass Frauen aktiv ihre Wünsche äußern.

“Paradoxerweise können sexuelle Unterwerfung und Vergewaltigungsphantasien nur in einer Kultur akzeptiert werden, die sie nicht verzeiht.” sagt die sexpositive Autorin Stacey May Fowles. Das erklärt die Angst der Gesellschaft vor devoten Frauen. In primetime-Krimiserien und Mainstream-Horrorfilmen werden devote Frauen als Opfer dargestellt und nicht als Menschen, die eine freiwillige Entscheidung getroffen haben. Aber auch dominante Frauen sind in Mainstream-Medien nur als Klischeefiguren mit männlichem Verhalten und bombastischen Körpern willkommen, wie in Rihanna’s “S&M” oder Britney Spears’s “Work Bitch” Musikvideos. Dominanz und Unterwerfung als Abziehbilder männlicher Macho-Phantasien sind gestattet, während Darstellungen von Frauen mit selbst und frei gewählter Sexualität eine Randerscheinung sind.

Letztendlich ist BDSM, wie ein Besuch der Boundcon zeigt, ein aufsteigendes Business. Aber Profit kann Gleichberechtigung auch schnell vergessen lassen. Trotz ihrer genderkorrekten, fantasiereichen Welt sind die Events und Videos für die Szene zum Großteil auf ein dominantes männliches Publikum zugeschnitten. Dass eine Mehrheit der „kinky“ Frauen devot sind, mag statistisch gesehen stimmen, ist aber eine billige Ausrede dafür, andere Tendenzen zu ignorieren.

Könnte sich dieses Verhältnis unter anderen Bedingungen ändern? Auch Fantasien basieren auf angelerntem Verhalten. Wie soll eine Frau, der vorgelebt wird, dass eine selbstbestimmte Sexualität falsch ist, sich für das Richtige entscheiden können? Erst die Möglichkeit, frei und ohne falsche Scham aus dem reichhaltigen Angebot sexueller Vorlieben zu wählen, ohne antrainiertes Rollenverhalten und gesellschaftliche Doppelmoral, kann zu einer erfüllten Sexualität führen. Egal, ob unterwürfig oder nicht.

Dieser Artikel erschien am 22.07.2014 in einer leicht gekürzten Version in der taz und am 23.7. unter dem Titel “Im Konsens liegt die Macht” auf taz.de

Grabkammer der Liebe

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von Ulf Schleth

Claudia Reinhardt - Liebespaare

Wenn man ihn betritt, ist es nur ein Raum in einer ganz gewöhnlichen Kreuzberger Wohnung, etwa dreißig Quadratmeter groß. Beim Heraustreten hat man das Gefühl, eine Grabkammer zu verlassen. Dabei war die intime Wirkung einer Privatwohnung als Ausstellungsort für „Dødspar, Liebespaare“ der Fotokünstlerin Claudia Reinhardt gar nicht beabsichtigt, sondern ist allein dem Umstand zu verdanken, daß sie nicht mit der Ausstellung warten wollte, bis sich eine Galerie gefunden hat. Leider sind dadurch die Öffnungszeiten der Ausstellung stark begrenzt.

Claudia Reinhardt wurde 1964 in Viernheim geboren. Zu den wichtigsten Stationen ihres künstlerischen Lebens zählen ihre Arbeit als Fotoassistentin in Berlin und ihre Arbeit als freiberufliche Fotografin in Hamburg, wo sie Meisterschülerin von Bernhard Johannes Blume war. Dank eines DAAD-Studiums konnte sie 1996 ein Jahr in Los Angeles arbeiten, seit 2000 lehrte sie an der Nationalen Akademie der Künste Norwegens in Bern, wo sie ihre Professur 2012 beendete. Jetzt lebt und arbeitet sie in Berlin und Oslo.

Die Fotografien stellen die Freitode von acht Paaren dar, für jedes Paar hängen drei bis vier kleinformatige Bilder an den Wänden. Dargestellt sind die unter Verwendung von Laiendarstellern inszenierten Situationen kurz nach dem Tod in der Draufsicht und zwei bis drei Detailansichten. Durch ihr Format zwingt Reinhardt den Betrachter, näher an das Bild heranzutreten, wie an ein Fenster in die Vergangenheit und sich in die dargestellte Situation hineinziehen zu lassen. Sie läßt uns das Unbehagen derjenigen empfinden, die unmittelbar nach dem Geschehen den Ort betreten und die Toten finden.

Für die meisten der abgebildeten Paare waren gesellschaftliche oder politische Zwänge die Ursache für den Suizid. Mehrere von ihnen haben sich das Leben genommen, weil Sie den Nazis auf einem anderen Wege nicht mehr entfliehen konnten. Mit Ausnahme von Stefan und Lotte Zweig, die dem nationalstaatlichen Terror zwar entfliehen konnten, den Verlust ihrer geistigen Heimat aber nicht ertragen konnten. Michael und Monika Stahl hingegen gerieten 2005 als „erste Opfer der Hartz IV – Gesetze“ in die Schlagzeilen. Sie wählen in einem Waldstück bei Berlin den Tod durch Autoabgase, weil sie ihren sozialen Abstieg nicht ertrugen.

Bereits 2004 beschäftigte sich Claudia Reinhardt in ihrer Arbeit „Killing Me Softly“ mit dem Suizid. Damals dem von bekannten Künstlerinnen. So wie sich hinter dem Freitod einer Einzelnen das Fehlen von Liebe vermuten läßt, impliziert der Tod eines Paares deren Anwesenheit. Dazwischen ist viel Platz für Zweifel und Fragen. War es eine gemeinsame Entscheidung oder ist eine dem anderen gefolgt? Wo  genau ist der Punkt überschritten, an dem Hoffnung und die Liebe zum Leben ganz der Liebe zum Partner und dem Tod Platz macht? Können wir den Wunsch der Paare, sich vom Leben zu befreien akzeptieren oder haben wir es mit Mord am Selbst zu tun? Und welche Verantwortung tragen jene, die die auslösenden Umstände geschaffen haben?

Etwa eineinhalb Jahre hat die Arbeit an „Dødspar, Liebespaare“ bisher gedauert. Recherche, Planung, Requisite, die Suche nach geeigneten Orten. Ein Mammutprojekt, das ohne ein zweijähriges Arbeitsstipendium des „Norsk Billedkunstnerer“ nicht möglich gewesen wäre. Und das noch nicht beendet ist. Claudia Reinhardt wird wohl noch weitere Paare aufzunehmen, allen voran Gert Bastian und Petra Kelly. Dank der staatlichen Kunstförderung Norwegens ist diese beeindruckende Fotoarbeit noch an zwei weiteren Terminen in Berlin zu sehen.

Dieser Artikel erschien in am 17.5.2014 in der taz berlin.

The Inflation of Grey

von Ulf Schleth

grey_coverVaginal, Anal, Double Penetration, Gangbang, Schläge in Gesicht und Bauch. Die Amerikanerin Sasha Grey machte schon in der ersten Bewerbung ihrer Pornokarriere im Alter von 18 Jahren klar, daß es nicht viel gab, das zu tun sie nicht bereit war. Sie schrieb, daß sie die meisten Pornos für langweilig hielt und zu den Darstellerinnen gehören wollte, die die Grenzen dessen erweitern, von dem man glaubt, daß Frauen es zu mögen oder zu sein haben. Vor der Kamera äußerte sie, wie in der Branche üblich, kein schlechtes Wort über ihre Arbeit. Obwohl es auf der Hand liegt, daß man bei einem Produktionspensum von fast 300 Filmen in 3 Jahren eine Menge unangenehme Erfahrungen macht.

An ihrer Behauptung, sie habe ihre Pornokarriere genutzt, um die eigene sexuelle Identität und deren Grenzen auszuloten, scheint etwas dran zu sein. Ein Star in der Szene, die unabhängige und alternative Pornodarstellerin und -produzentin Belladonna buchte sie für einen Fünfstunden-Dreh und schlug ihr vor, sie könnte sich doch ein paar eigene Phantasien verwirklichen. Sasha Grey kam daraufhin mit zwei engbeschriebenen DIN A4 Blättern zum Set.

Zu Weltruhm kam sie in erster Linie wegen ihres extremen Agierens vor der Kamera, wobei ihr adoleszentes Aussehen sicher auch eine Rolle spielte. In ihren Pornos forderte sie ihre Partner auf, noch härter zu sein, verlangte nach mehr, setzte ihnen Schweinenasen aus Gummi auf, beschimpfte sie zuweilen oder glänzte mit unverhergesehenen humoristischen Äußerungen. Sie übernahm scheinbar die Kontrolle und ließ den Zuschauer deutlich spüren, daß sie alles andere ist als ein Objekt oder Opfer. Gegenüber „Spiegel Online“ sagte sie, daß in Porno Raum für Kunst ist und sie Frauen vermitteln wolle, daß an Sexualität nichts sei, dessen man sich schämen müsse.

Vor vier Jahren stieg die damals 21jährige aus der Pornobranche aus. Seitdem hat sie, angefangen mit Steven Soderberghs “The Girlfriend Experience” in einigen Filmproduktionen, Serien und nicht zuletzt in einem satirischen NSA-Werbeclip mitgespielt. Sie ist Teil der Industrial-Band “aTelecine”, ist als DJane vor allem in Russland beliebt, hat den Band “Neü” mit eigenen Fotos herausgegeben und nun ein Buch geschrieben.

Ihr Agent hat ihr schon länger damit in den Ohren gelegen, doch über einen erotischen Roman nachzudenken. Als „Shades of Grey“ herauskam, wie eine Rakete den Bestsellerhimmel eroberte und wegen des Titels häufig mit ihr in Verbindung gebracht wurde, schien akuter Handlungsbedarf vorzuliegen und so schrieb sie (nicht ganz ohne Hilfe) innerhalb eines Monats „Die Juliette Society“. Das Buch ist fast zeitgleich weltweit in allen wichtigen Sprachen erschienen – eine türkische Ausgabe folgt in Kürze.

Es geht um die Filmstudentin Catherine, die in einer monogamen Zweierbeziehung mit ihrem Freund Jack zusammenlebt, der im Wahlkampfbüro des Senators Robert DeVille arbeitet. Ihre Liebe zu Jack währt über die letzte Seite hinaus. Catherine hat sexuelle Phantasien, insbesondere im Zusammenhang mit ihrem Dozenten Marcus. Der hat allerdings bereits eine Liebschaft mit ihrer Kommilitonin Anna. Die beiden Frauen lernen sich kennen.

Anna mag BDSM. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“; sie ist ein Sammelbegriff für alle sexuellen Spielarten, die mit Macht, Unterwerfung, Dominanz und Gewalt im weitesten Sinne zu tun und das Einverständnis der beteiligten Parteien zur Voraussetzung haben.

Catherine ist fasziniert von der Welt, die Anna ihr eröffnet und folgt ihr in das sexuelle Neuland. Was sie dort erfährt, bringt ihr jedoch nicht nur Befriedigung, sondern treibt sie auch in die Arme einer illustren Geheimgesellschaft von skrupellosen Reichen und Mächtigen wie Senator DeVille, für die ihr  eigener Lustgewinn über der Maxime des beidseitigen Einverständnisses steht.

„Die Juliette Society“ ist das Buch einer 25jährigen, die viel Sex hatte, geschrieben für Leute, die auf der Suche sind. Auf der Suche nach ihrer eigenen Sexualität oder schlicht nach pornographischer Lektüre mit einem gewissen intellektuellen Anspruch. Grey läßt verschiedene filmische und literarische Referenzen in ihren Text einfließen, insbesondere „Belle de Jour“ von Luis Buñuel und „Sexualität ist Macht“ von Angela Carter. Und genau darum geht es Sasha Grey: um Sex, Macht und den Zusammenhang zwischen beidem.

Im Konrast dazu läßt  die stilistische Reife dieses Romanes leider zu wünschen übrig . Die sexuellen Eskapaden der Christine können partiell mitreißen, lesen sich aber streckenweise wie leb- und lieblose Aneinanderreihungen von kondomlosen Pornoszenen. Die obskure titelgebende Geheimgesellschaft, in deren Ideengefüge natürlich auch der Gott Pan nicht fehlen darf, wirkt künstlich aufgepfropft; eine wirkliche Rolle spielt sie nur im ersten und letzten Kapitel. Doch auch wenn der Text keine hohe literarische Qualität hat, vermag die Lektüre zu unterhalten.

Die Beschreibung der beiden Hauptcharaktere Christine und Anna legt die Spekulation nahe, beide könnten für verschiedene Aspekte des Lebens ihrer Autorin stehen. So sagt Catherine über Anna: „Als wäre der Sex eine Notwendigkeit, die dazu dient, ihre innere Leere auszufüllen, eine Leere, die sich niemals ausfüllen läßt. Aber sie ist ein kluges Mädchen, also wird sie irgendwann erkennen, daß sie in einen Abgrund starrt.“ Es ist gut vorstellbar, daß Sasha Grey sich ziemlich nah an diesem Abgrund befunden hat.

Wer einmal in der Pornobranche gearbeitet hat, ist für gewöhnlich lebenslang stigmatisiert, ein Umsatteln in eine andere Branche wird schwierg. Das dürfte nicht einfacher werden, wenn die eigenen Körperöffnungen jederzeit und bis in alle Ewigeit für jedermann und -frau in hunderten von Videoclips auf tausenden Websites im Internet verfügbar sind. Sasha Grey möchte nicht mehr so gern ständig auf ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin angesprochen werden, scheint aber zu wissen, daß das nicht so ohne weiteres umzusetzen ist. Sie macht das beste draus. Sie versucht das System in dem sie gefangen ist, von innen heraus zu ändern und nutzt gleichzeitig die Attraktion, die ihr ehemaliger Beruf auf Publikum und Feuilleton ausübt, als Sprungbrett für ihre weitere Karriere.

Ohne diese Attraktion würde wohl niemand ihrer Kunst größere Beachtung schenken. Die lüstern geifernde Dankbarkeit der Medien für dieses Geschenk ist spürbar: Ein intelligentes Mädchen, das freimütig erzählt, daß es mit 16 ½ zum ersten Mal Sex hatte, das sofort mit der Volljährigkeit zum Pornostar wurde und als 25 jährige Frau ein Buch schreibt und Kunst macht. Die dann auch noch darauf beharrt, das alles aus freien Stücken, Spaß und freien Stücken getan zu haben. Wieviel Spaß kann es machen, in einer Zeit, in der andere Leute noch ihre Jugendlichkeit genießen, über 3 Jahre hinweg etwa alle 4 Tage einen anstrengenden Pornodreh zu haben? Mit Partnern, die sie sich nicht aussuchen kann, begleitet von Infektionen und anderen Berufsrisiken.

Weiß eine Workoholic-Pornoakteurin besser was guter Sex ist, als jemand anderes, wo Porno doch eher auf schnelle Befriedigung des Publikums ausgelegte, inszenierte Fantasie ist? Wie wirken sich solche Erfahrungen auf die Entwicklung von emotionaler Nähe und Reife aus? Erklärt sich so vielleicht die partielle Gefühlsarmut in „Die Juliette Society“? Kann man unter diesen Voraussetzungen wirklich glaubhaft Hilfestellung zur sexuellen Selbstfindung geben?

Man mag Sasha Grey für subversiv halten oder für heuchlerisch und kommerziell, für eine Feministin, eine Feminismuskritikerin oder keines von beidem. Tatsächlich steht sie ein für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau und wirbt dafür, daß Frauen wie Männer auch BDSM-Praktiken ausüben können sollten, ohne sich dafür schlecht oder krank fühlen zu müssen. Daß es keinen Widerspruch zwischen BDSM, Zärtlichkeit und Liebe gibt. Daß es normal ist, daß sich ein Mensch von etwas erniedrigt fühlt, ein anderer aber frei und stark. Die Tabuisierung weiter Bereiche menschlicher Sexualität gefährdet in Greys Augen die Persönlichkeitsentwicklung. Und obwohl sie mit diesem Buch auch auf Verkaufszahlen ausgelegten Mainstream produziert, macht dieser Umstand „Die Juliette Society“ um einiges lesenswerter als das sich in dümmlichen Rollenklischees verlierende „Shades of Grey“.

Sasha Grey treibt ihre Karriere und ihre Kunst in einem ungeheuren Tempo voran. Vielleicht ist genau das ihr Problem. Wenn sie ihrer Kunst wegen geliebt werden möchte, wird sie sich ein bisschen mehr Zeit lassen und etwas mehr Energie in die Entwicklung ihrer Arbeiten stecken müssen. Daß sie dazu in der Lage ist, steht vollkommen außer Frage.

Sasha Grey
„Die Juliette Society“
320 Seiten, ISBN 978-3453268869
Heyne Hardcore, EUR 8,80/19,99

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Dieser Artikel erschien am 30.01.2014 in bearbeiteter Fassung unter dem Titel “Die Befreierin” in der taz und am 31.01. auf taz.de.

„Ey, du bist doch ein Kerl!“

von Ulf Schleth

Sarah Marrs: "Stadtnomadin"Das Presseheft zur „Stadtnomadin“ kann man getrost in der Pfeife rauchen. Krampfhaft wird da versucht, eine passende Schublade zu finden. Ein Vergleich mit David Sedaris muß herhalten wie so oft wenn Literatur angepriesen wird, die persönlich und damit offenbar immer auch schräg ist, „unter die Haut geht“ aber trotzdem massenkompatibel bleibt. Ganz nach dem Motto „Kunden, die David Sedaris gekauft haben, kaufen auch dieses Buch.“ Derlei sollte der Verlag doch lieber den Online-Shops überlassen. „Der Leser würde in einen „Rausch aus Eindrücken“ hineingezogen. Betulich wird die Veröffentlichung angepriesen als „kurzweilige Unterhaltung, die ein unkonventionelles Lebensgefühl transportiert“ und als „authentisches Porträt zweier Städte im Wandel“. Die häufige Verwendung solcher Gemeinplätze ist zwar vollkommen unnötig und unangebracht, aber vielleicht auch nicht ungewöhnlich für einen Verlag, dessen fast zeitgleich erschienenes Zugpferd die Autobiografie von Eveline Hall ist, einer Tänzerin und Schauspielerin, die jetzt im Alter von 68 Jahren als Model arbeitet. Eine sicher zufällige, aber interessante Koinzidenz, denn im Leben von Sarah Marrs spielt ebenfalls ein in die Jahre gekommenes Model eine tragende Rolle: ihre Mutter.

Sarah Marrs hat immer ein enges, unverblümtes und humorvolles Verhältnis zu ihrer Mutter behalten, die in London und Paris als Model arbeitete und sich später als Covergirl für „Harper’s Bazaar“ und „Vogue“ einen Namen mit ihrem „Audrey-Hepburn-Look“ machte. Als Mädchen mußte sie gleichzeitig Sohn und Tochter sein und obwohl sie selbst sagt, daß sie nie Model sein könnte, merkt man, daß die Attitüde ihrer Mutter Spuren hinterlassen hat. Sie zog 1989 mit 24 Jahren kurz vor der Maueröffnung von Chicago nach Berlin und fand schnell Kontakt zur Ostberliner Kunstszene. Ihre privilegierten Verhältnisse und ihr Kunstdiplom ließ sie in der Heimat zurück, es kam aber nie zur kompleten Abnabelung. Um ihre Mutter bei der Erziehung ihrer beiden Nichten zu entlasten, pendelte sie bald über den Ozean. Ihre Arbeit als bildende Künstlerin und Musikerin verlor sie trotz Durstrecken und Nebenjobs nie aus den Augen. Die bekanntesten Bands mit denen sie als Sängerin zusammengearbeitet hat, waren „Kyborg“, „Ornament und Verbrechen“ und „Tarwater“.

In „Stadtnomadin“ beschreibt Marrs auf liebevolle Art und Weise die Erlebnisse mit ihrer Familie, ihrer manchmal etwas schrulligen Mutter und deren Männern. Sie wechselt häufig zwischen Berlin und Chicago hin und her, so daß der Leser manchmal nicht mehr genau weiß, wo er sich gerade befindet, was dem Leben zwischen den Metropolen eine entspannende Normalität verleiht. Sie beschreibt eindrücklich die dröge Konferenz „Kunst. Was soll das?“ 1992 im ebenso drögen Bitterfeld. Mit ihrer Band „Novemberklub“, deren Mitglieder Bernd Jestram, Ronald Lippok, Mario Mentrup, Bert Papenfuß und Brad Hwang die gesamtdeutsche Kunstszene auch heute noch beeinflussen, lockerte sie die Podiumsdiskussionen der Kunstprominenz auf. Sie schreibt über ihre Gewissensbisse beim Taubentöten, gräbt Erinnerungen an längst geschlossene Lieblingslocations aus, erzählt, warum sie mal für eine Mafiosibraut gehalten wurde und gibt unverblümt ihre Affinität zum Fernsehen, Soap Operas und Reality-Shows zu. Sie widmet dem sozialen Mikrokosmos des legendären „Superspar“ am Hackeschen Markt ein ganzes Kapitel. Dieser Supermarkt, der heute zwar Edeka heißt, aber immer noch die Grundversorgung der täglich durch ihn hindurchströmenden Massen reicher Touristen und armer Künstler sicherstellt, war nicht nur für Sarah Marrs ein Ruhepol im Bohèmestreß. Eine besondere Stellung im Buch nimmt ihr ehemaliger Freund und Chef Gruen ein, der sich als Jude im Berlin der Nazizeit verstecken mußte. Die lebendige Schilderung ihrer Zuneigung zu ihm, seine Rückblicke und ihre gemeinsamen Erlebnisse hinterlassen einen tiefen Eindruck.

Dies ist mehr als ein Hauptstadtroman. Auf herzerwärmende und humorvolle Art und Weise betreibt Marrs Kulturarchäologie, beschreibt die Konsolidierung der Künstlerin als junger Frau, zeigt wie wichtig Hartnäckigkeit dabei ist und veranschaulicht Unterschiede zwischen den drei Kulturen, zwischen denen sie sich bewegt hat; der beiden deutschen und der amerikanischen. Neben dieser erzählerischen Leistung reibt sie dem Leser aber auch immer wieder ihre Abneigung gegenüber Voreingenommenheit und Schubladendenken unter die Augen. Dadurch, daß sie wegen ihrer Statur, ihrer dunklen Haare, ihrer lauten und tiefen Stimme von ihrer Umwelt immer wieder in eine eher maskuline Rolle gedrängt wird, läßt sie uns mit ihren Augen auf die Sexismen des Alltags blicken. Einen besonders kritischen Blick wirft sie auf den deutschen Nationalchauvinismus: „Bist du bescheuert? Die Amis haben keine Kultur? Was, verdammt nochmal, weißt du überhaupt? Hast du zu viel ferngesehen? Hau mal ab aus deinem fucking Berlin, aus deinem fucking Osten, aus deinem fucking Kiez! Hau ab für verdammte zwei Jahre aus deinem fucking Leben, scheißegal wohin, und dann sag mir dasselbe noch mal ins Gesicht!“

Sarah Marrs: „Stadtnomadin. Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“, Eden Books, 201 S., ISBN 978-3944296210, EUR 14,95

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Dieser Artikel erschien am 16.10.2013 in redigierter Fassung unter dem Titel “Kein Bohemestress am Superspar” in der taz Berlin.

Nervöse Energie

von Ulf Schleth

Dave Zeltserman: "Paria"Kyle Nevine ist ein Arschloch. Seine achtjährige Haftstrafe hat er bis zum Ende abgesessen. Angebote auf Strafverkürzung lehnte er ab, damit er sich nach verbüßter Haftstrafe ohne Auflagen gleich wieder an die Arbeit machen kann: Er stiehlt, betrügt, überfällt, entführt und mordet. Vor dem Zuchthaus wartet sein Bruder Danny auf ihn, um ihn in der Freiheit willkommen zu heißen. Beide sind in South „Southie“ Boston aufgewachsen und dort fest in die mehr oder weniger organisierte Unterwelt integriert. Kyle kann sich nicht erklären, wie sein Bruder zu einem Weichling degenerieren konnte, der einer geregelten Arbeit nachgeht und sich von seiner Freundin das Rauchen in der Wohnung verbieten läßt. Also beginnt er sogleich damit, Dannys Leben durch Druck und Manipulation wieder auf Spur zu bringen.

„Paria“ von Dave Zeltserman ist in bester Noir-Tradition geschrieben. Er paart deren düstere, zynisch-ironische Weltsicht mit den trivial angelegten Erzählmustern, aber auch den urbanen und modernen Elementen der Pulp-Literatur, die sich seit ihrer Entstehung als Groschenroman in den USA der 30er-50er Jahre zu einer eigenen Kunstform entwickelt hat. Durch die Ich-Perspektive identifiziert sich der Leser mit dem Protagonisten, einem gesellschaftlichen Albtraum, manipulativen Soziopathen und narzisstischen Sexisten. Ab und an erwecken seine Regungen gar den Anschein von Menschlichkeit und sozialer Interaktion. So erhält Dave Zeltserman die Verbundenheit zu Kyle aufrecht, während er dessen menschliche Züge demontiert. Werte und Gewissen gibt es für Kyle nicht wirklich. Kyle ist ein Kind unser individualisierten Gesellschaft, strebt nach freier Entfaltung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, ohne jeden Skrupel, mit gleichgültiger, unerbittlicher Gewalttätigkeit. Auch sein Frauenbild verursacht Würgereiz. Frauen sind in Kyles Welt so etwas wie Biomasse, die tunlichst in eine Form gepreßt sein sollte, die ihm gefällt. Sollte es mit dem Ficken trotzdem mal nicht so klappen, hilft eine blaue Pille. Nur so ist er in der Lage, seine „nervöse Energie“ abzubauen: durch Sex oder Gewalt.

Auch sonst fräst sich Kyle wie eine Maschine seinen Weg durch das Geschehen. Bis dahin ein gutes Stück angenehm unbequemer Literatur. Aber nicht außergewöhnlich. Wenn Zeltserman nicht eingefallen wäre, Kyle am Scheitelpunkt der Ereignisse Bekanntschaft mit der Verlagsbranche machen zu lassen. Und die bekommt ihr Fett weg. Nachdem er sich mit seinen Taten einen Namen gemacht hat, wird Kyle ein hochdortierter Buchvertrag angeboten, um seine Version der Geschichte zu schreiben. Den Grundplot schreibt ein netter Typ mit M.A. in kreativem Schreiben, dessen Name aber nunmal keinen Klang hat. Kyle, auch nicht ganz unbegabt, schreibt das Buch und es wird ein Riesenerfolg.

Doch während des folgenden Medienmarathons werden Zweifel laut. In Kyles Buch werden einige Sätze aus Noir-Klassikern gefunden, woraufhin er des Plagiats bezichtigt wird. Darin besteht die großartige Ironie dieses Buches. Kyle Nevine kommt mit den übelsten Verbrechen durch, stolpert am Ende aber über einen Plagiarismus-Skandal, etwas das es in dieser Form in der postmodernen Informationsgesellschaft längst nicht mehr geben sollte. Keine Frage, daß er dafür wenig Verständnis hat und sich dafür mit einem fulminanten Showdown bedankt.

Dave Zeltserman gelingt es mit „Paria“, uns die bedrückenden Ansichten eines sehr unangenehmen Menschen zu implantieren und dabei mit Gesellschaftskritik nicht zu sparen. Er zwingt uns zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehen, bis wir ausreichend Antikörper gebildet haben und liefert damit ein schönes Beispiel dafür, daß gute Pulp/Noir-Literatur auch heute bestens funktioniert und in ihrer Vielschichtigkeit ebenso ins Feuilleton gehört wie in die Toilettenbibliothek. Daß wir diesen Titel in deutscher Übersetzung lesen können, haben wir dem kleinen Berliner Nischenverlag „Pulp Master“ zu verdanken, der auf diesem Gebiet ein Juwel nach dem anderen zutage fördert. Bei Zeltserman hat jedoch auch der Suhrkamp-Verlag bereits zugeschlagen, der 2012 auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern dessen Titel „28 Minuten“ veröffentlicht hat.

Dave Zeltserman: Paria. 368 S. EUR 13,80. Pulp Master

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Dieser Artikel erschien in einer bearbeiteten und redigierten Fassung am 28.09.2013 in der taz.

Revolution der Sesselpupser

von Ulf Schleth

Mercedes Bunz: "Die stille Revolution - Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen"Wenn neben einem Blog-Artikel über Meucheltaten mexikanischer Drogenkartelle die Werbung eines Mexiko-Reisebüros eingeblendet wird oder wenn jemandem, der auf Amazon nach einem Buch über jüdische Kultur sucht, das Pamphlet eines Holocaustleugners empfohlen wird, dann waren wahrscheinlich sie schuld: die Algorithmen.

Ein Algorithmus ist laut Duden ein Verfahren zur schrittweisen Umformung von Zeichenreihen, also ein Rechenvorgang nach einem bestimmten Schema. In jüngster Zeit wird der Begriff „Algorithmus“ zunehmend für die Mechanismen verwendet, die uns das Gefühl geben, unsere Lieblings-Websites wüssten genau, was wir brauchen und wer wir sind, auch wenn Sie häufig vollkommen danebenliegen.

Deshalb weckt der Titel des Buches „Die Stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“ von Mercedes Bunz falsche Erwartungen. Es geht in diesem Buch nicht primär darum, Algorithmen monographisch zu entmystifizieren, zu entschlüsseln, zu hinterfragen und zu kritisieren. Zentral ist die Frage, wie Digitalisierung der Welt unser Leben auf allen Ebenen beeinflusst.

Unsere Experten- und Dienstleistungsgesellschaft befindet sich im Wandel. Es kann von beliebigen Orten gearbeitet werden, Flirtportale suchen den passenden Partner, Online-Petitionen und Projekte wie LiquidFeedback erweitern die Möglichkeiten der Einflußnahme auf demokratische Prozesse. Revolutionen werden herbeigetwittert und Börsenprogramme können Entscheidungen treffen, die zuvor von Menschen getroffen wurden.

Auswirkungen auf den Journalismus

Jeder kann Produkte auf den Markt bringen, die er dank des Internets in Billiglohnländern herstellen lassen kann. Plötzlich sind Arbeitsplätze bedroht, die vorher für nicht automatisierbar gehalten wurden. Mercedes Bunz ist Journalistin. Sie leitete die Online-Redaktion des Tagesspiegel und schrieb für den Londoner Guardian über Medien und Technologie.

Es ist nicht überraschend, daß sie besonders auf die Auswirkungen für den Journalismus eingeht. So erwähnt sie etwa die Software „Stats Monkey“, die in der Lage ist, mit Hilfe des Internets und einer eigenen Bibliothek von Textmustern selbsttätig Sportberichte zu erstellen. Was passiert mit den Menschen, die vorher diese Arbeit gemacht haben?

Für den Journalismus spielt die neue Öffentlichkeit, die das Internet dem Einzelnen bietet, ebenfalls eine große Rolle. Bunz stimmt in den Tenor ein, mit dem die Branche sich selbst beruhigt: Gut recherchierter, objektiver Journalismus wird weiterhin wichtig sein, die Arbeitsfelder der Journalisten werden sich verändern, aber nicht verschwinden. Über mögliche Finanzierungsmodelle findet sich nichts. Aber das ist leider der Knackpunkt. Werden Zeitschriften, gedruckt oder online, finanzierbar bleiben? Oder werden Journalisten zu bloggenden Einzelkämpfern, die sich ihre Miete zusammenflattrn?

Der eher freie und literarische Umgang der Autorin mit wissenschaftlichen Fakten, ihre Art frei zu assoziieren und einige Themengebiete nur flüchtig zu behandeln, bietet einige Ansätze zu berechtigter Kritik. Der „Algorithmus“ dient ihr als Synonym für „Software“, wohl weil es sich knackiger und neuer anhört und im Zusammenhang mit der Unterstellung künstlicher Intelligenz irgendwie auch spooky klingt.

Fortschrittsgläubigkeit

Dass die von Bunz genannten Techniken von künstlicher Intelligenz noch sehr weit entfernt sind, tritt in der „stillen Revolution“ nicht deutlich genug zu Tage. Ein Algorithmus ist ein Automatismus. Die Vernetzung von Dingen, Menschen und dem Wissen der Welt, wird ermöglicht und gesteuert von Automatismen, die wiederum kontrolliert eingesetzt werden.

Mit Kritik an den möglichen Auswirkungen dieses Zusammenspiels hält sich Bunz zurück, so daß der Eindruck einer gewissen Fortschrittsgläubigkeit entsteht. Aber die Kritik fehlt zum Glück nicht ganz. Eli Pariser zum Beispiel, der die Vorauswahl von Informationen kritisiert, die Google, Facebook & Co ihren Benutzern oft ungefragt aufdrängen, findet immerhin in einem Satz Erwähnung.

Jenen, deren politischer Aktivismus darin besteht, Online-Petitionen zu unterzeichnen, nimmt sie den Wind aus den Segeln, indem sie den Publizisten Evgeny Morozov heranzieht, um die Quintessenz seines Buches „The Net Delusion“ treffend zu formulieren: „Die Revolution der Sesselpupser lässt einstweilen noch auf sich warten. Um wirklich einen Effekt zu haben, müssen die sogenannten ‘Clicktivisten’ auch in der realen Welt etwas auf die Beine stellen.“

Trotzdem, „Die stille Revolution“ ist eine Leistung. Der Autorin ist es gelungen, auf 169 Seiten in geballter Form die Entwicklung des Internets und dessen immensen Einfluss auf unsere Lebens- und Arbeitswelt darzustellen. Sie liefert keine neuen Erkenntnisse, zeigt aber alle wichtigen Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, Globalisierung, Vernetzung, Datenballungen, Miniaturisierung von Endgeräten, dadurch bedingten sozialen Veränderungen und weiteren Aspekten modernen Lebens.

Guter Einstieg

Es wird ein guter Einstieg in und Überblick über diese Thematik geboten. Bei reflektiertem Genuß eine geeignete Grundlage für die kritische Diskussion. Dem interessierten Leser wird ein umfangreiches Literaturverzeichnis an die Hand gegeben, das von Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ über Frank Schirrmachers „Payback“ bis hin zu Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” alles nötige enthält.

Nach der Lektüre dieses Buches dürfte selbst dem widerspenstigsten Digitalisierungsignoranten klar sein, wie tief die Auswirkungen der Vernetzung von Menschen, Daten und Software auf die Gesellschaft und damit auch auf sein Leben wirken und dass er – soweit er das politische und wirtschaftliche Leben weiterhin mitbestimmen will – sich schleunigst mit diesen Dingen beschäftigen sollte.

Frau Bunz prophezeit, dass die Bedeutung des Geldes für die Gesellschaft durch neue und günstigere Produktions- und Kollaborationsmöglichkeiten abnehmen wird: „Zudem ist nun nicht mehr das Budget ausschlaggebend für die Größe eines Projekts. Entscheidend für die Durchführung ist nicht die Höhe der finanziellen Aufwendungen, sondern die Koordination von Geräten, Räumen und Fähigkeiten.“ Und nicht zuletzt, weil das mehr als zweifelhaft ist, ist es nötig, das Bewußtsein für diese stille Revolution der Dinge zu schärfen.

Mercedes Bunz: „Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“.
Suhrkamp Berlin 2012
169 Seiten
14 Euro

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Dieser Artikel erschien am 18.04.2013 auf taz.de.

La Santa Muerte

John Giblers Buch über Frau Tod, die Heilige aus Mexiko

Von Ulf Schleth

So lange die Gewalt abstrakt bleibt, dient sie der Unterhaltung. Das Leiden, das damit verbunden ist, ist im täglichen Nachrichtengemetzel kaum wahrnehmbar. Die Bilder von Opfern des Drogenkrieges in Mexiko bleiben schauriges Infotainment, das Geschichten erzählt von weit entfernten Dingen. Dingen, mit denen man nichts zu tun hat und nichts zu tun bekommen will, von der kleinen Gänsehaut einmal abgesehen.

Das ändert sich schlagartig, wenn ein Freund aus dem Urlaub zurückkehrt und erzählt, wie seine Bekannten, die einen Bootsverleih in Mexiko betreiben, schon mehrfach bedroht wurden. Ihnen und ihren Kindern könne etwas zustoßen, wenn sie nicht für ihren Schutz zahlen würden. Daß ihm einige Male von bewaffneten Dealern in den Bars der Stadt offen Drogen angeboten wurden. Und daß ihm die Geschichte von einem jungen Absolventen der Polizeischule erzählt wurde, der vor seiner Haustür erschossen wurde, weil er sich nicht bestechen ließ. In einem Land, das über eines der schärfsten Waffengesetze des Kontinents verfügt. Aber was nützen Gesetze, wenn sich niemand daran hält.

Beschäftigt man sich eingehender mit der Situation Mexikos, nimmt die Fassungslosigkeit noch zu. Mexiko ist ein Land, in dem die Herstellung, Vermarktung und der Transport von Drogen und allen damit verbundenen Tätigkeiten zu einem integralen Wirtschaftsfaktor geworden ist. In dem es schwierig geworden ist, Erwerbsmöglichkeiten zu finden, die nicht auf die eine oder andere Weise mit dem Drogengeschäft zusammenhängen. In dem die Kartelle ihre Konkurrenz, unfolgsames Fußvolk, Menschenrechtler und sogar Journalisten mit äußerster Brutalität einschüchtern. In dem Regierung, Militär und Polizei korrupte Bestandteile des Systems der Angst sind.

Verhaftungen von Mitgliedern der Kartelle haben lediglich Alibifunktion. Zu welchem Drogenkartell die Verhafteten gehören, hängt im Wesentlichen davon ab, welchem Kartell die Regierenden am ehesten zugetan sind (unter Calderón machten Mitglieder des Sinaloa-Kartells nur 12 Prozent der Verhafteten aus, obwohl es für 84 Prozent der Morde in diesem Zusammenhang verantwortlich war). Es kommt nicht selten vor, daß frisch Verhaftete nach kurzer Zeit wieder frei kommen, weil Beweise verschwinden oder ignoriert werden.

Die Mexikaner haben im Allgemeinen ein recht natürliches Verhältnis zum Tod. Und sie haben »La Santa Muerte«, die Heilige Frau Tod. Das ändert nichts daran, daß viele im Klima der allgegenwärtigen Bedrohung fast ersticken. Krankenwagen nehmen keine Opfer mit Schußwunden mehr mit, weil die Sanitäter zu große Angst vor Verfolgung haben.

Mexikos Popkultur wird musikalisch von Narcocorridos bestimmt, die die „Heldentaten“ der Drogenbosse besingen. Die USA, die Mexiko mit Hilfe in Milliardenhöhe in einem Drogenkrieg unterstützen, den man allenfalls als Farce bezeichnen kann, wissen das alles. Und verdienen kräftig mit. Auch nach der Wahl von Peña Nieto zum Präsidenten Mexikos wird sich nicht viel ändern.

Es gibt Mutige in Mexiko, die unter Einsatz ihrer Gesundheit gegen Wahlbetrug, für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen, allen voran die Protestbewegung „Yo Soy 132“. In der westlichen Medienlandschaft ist wenig davon zu hören. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß es die erste Welt ist, deren Geld die Schatzkammern der Drogenbarone füllt. Die sich den Stoff reinpfeift, der aus oder durch Mexiko hindurch kommt. Auch die deutsche Wirtschaft verdient gut mit. Im März 2012 wurde bekannt, daß Heckler & Koch tausende G36-Gewehre nach Mexiko geliefert hat. Daß in Mexiko Verhaftungen durch die Polizei dokumentiert wurden, bei denen die Verhafteten kurz später hingerichtet und in Teppiche gewickelt aufgefunden wurden, sollte auch den Verantwortlichen bei Heckler & Koch nicht entgangen sein.

“Sterben in Mexiko” von John Gibler verspricht im Untertitel “Berichte aus dem Inneren des Drogenkrieges”. Das ist etwas hoch gegriffen – Gibler ist kein Narco-Wallraff, er kann nicht allzu tief in den Alltag der Drogenkartelle eindringen. Aber was er kann, ist viel wichtiger. Er läßt uns einen Blick hinter die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhänge werfen, erklärt, warum der Drogenkrieg seine Wurzeln im Rassismus hat, und macht klar, daß wir weniger ein Problem mit Mexiko haben, als Mexiko mit uns. Gibler hat ausführlich recherchiert und gibt allen, die sich tiefer in das Thema einlesen wollen, gut geschriebenes Material in die Hand. Leider ist die Übersetzung mit einer sehr, sehr heißen Nadel gestrickt worden. Aber wenigstens hat man so bei der Lektüre auch was zu lachen.

John Gibler: “Sterben in Mexiko. Bericht aus dem Inneren des Drogenkriegs.”
Edition Tiamat
Berlin 2012
192 S.
16,- Euro

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Dieser Artikel erschien am 11.12.2012 in der jungen Welt.

Frankenstein im Land der Klischees

von Ulf Schleth

Buddy Giovinazzo ist ein erstaunlicher Mensch. Nachdem sein wunderbarer Film “Unter Brüdern” (besser zu sehen im Original unter dem Titel “No Way Home”), den er mit Tim Roth, Deborah Unger und James Russo besetzen konnte, damals nie wirklich in den  Kinos lief, entschloss er sich, Amerika zu verlassen und sich in Deutschland mit  Regiearbeiten für Tatort und Polizeiruf die Schriftstellerei zu finanzieren. Denn heutzutage verdient niemand Geld, nur weil er schreiben kann. Ausser er hat viel Glück, eine grosse Marketingmaschine hinter sich oder geht in die Werbung. Giovinazzo schien aber nie grosse Lust zu haben, sich mit seiner Literatur zu prostituieren. Warum sonst sollte er auch bei Pulp Master veröffentlichen. Einem Verlag, mit dessen Programm man locker die Sommerferien eines ganzen Menschenlebens zu einem Riesenspektakel machen kann, der sich aber nie um Konventionen oder Massentauglichkeit geschert hat. Und also auch (fast) nichts verdient.

Die Lektüre von Giovinazzos neuen Romanes “Piss in den Wind” löst anfänglich Stirnrunzeln aus. Überall stolpert man über Klischees. Um die Schizophrenie von James Gianelli zu untermauern, wird ihm eine schwere Kindheit verpasst, in deren Verlauf er zuweilen auch schonmal Insekten in seinem Schuh zerquetscht, ins Bett pullert, versehentlich seinen Bruder erschiesst und das mit den Mädchen läuft auch nicht so gut. Er versagt beim Flaschendrehen und seine Highschool-Abschiedsballverabredung, bei der er eh nur die Rolle der Notlösung gespielt hat (was sonst), platzt. Das geht dann so weiter. Er wird Lehrer für Fotografie. Als Lehrer wird man natürlich immer von allen Mädchen angehimmelt und kann seine Studentinnen ganz locker ins Bett bekommen. Das hat er sich ja nett hingebastelt, der Giovinazzo, denkt man sich. und dann kommt der letzte Stolperstein: die Erwähnung von van Goghs abgeschnittenem Ohr. Schon immer das Nonplusultra um dem Leser zu verdeutlichen, dass man es hier wirklich mit einem extrem irren und gefährlichen (uuuhhh) Exemplar zu tun hat. Das bringt einen dann zu Fall. Man legt das Buch weg. Eine Überdosis Klischee. Bis dann etwas seltsames passiert. Die eigenen Hände verselbständigen sich und greifen sich das Ding wieder. Das übrigens wieder ein schön buntes Cover von dem Hamburger Künstler 4000 schmückt.  Ohne es zu merken, ist man längst in den Sog der Handlung geraten, ist gefangen vom sich langsam steigernden Irrsinn, von der wachsenden Spannung, wie weit Gianelli es noch treiben wird, ob es ihm nicht reicht, seine eigene Frau umzubringen und in den Fluten zu versenken nur um kurz darauf eine längerfristige Beziehung mit einer anderen Wasserleiche zu beginnen. Erst tut Gianelli einem Leid, man denkt sich “was für ein Würstchen, weil er mit einer echten Frau nicht leben kann, schafft er sich eine in seiner Phantasie, endlich hat er Macht über jemand anderen, jemanden, den er sich formen kann wie es ihm beliebt, wie erbärmlich”. Bis einem klar wird, dass nicht Gianelli es ist, der die Macht hat. Man beginnt die Schizophrenie zu spüren, wie sie einem den Rücken hochkriecht. Bis ganz nach oben ins Hirn gelangt sie aber zum Glück nicht, Giovinazzos Humor verhindert weiterreichende Kollateralschäden beim Leser. Sein trockener Witz ist es auch, der es leichter macht, die Botschaft zu erkennen.

Um “Piss in den Wind” zu lesen, muss man nicht bis zu den Sommerferien warten, es ist genau die richtige Lektüre, um diesen ekligen, abgebrochenen Winter zu verarbeiten und sich in die entstehenden Frühlingsgefühle hineinzulesen. Auch wenn Gianellis Gefühle einer Toten gelten, das sollte für Freunde und Freundinnen von Krimialliteratur kein Problem sein. Buddy Giovinazzo, der jetzt auch wieder Filme in den Staaten dreht und gerade nach dem Abschluss eines Horrofilms wieder nach Berlin zurückkehrt, sagt auf die Frage, was dieses Buch für ihn bedeute: “Die Geschichte in diesem Buch habe ich jahrelang in meinem Kopf mit mir herumgetragen. Es ist wie bei Frankenstein; ein Mann erschafft etwas, von dem er glaubt es sei die perfekte Frau, nur um festzustellen, dass er einen Alptraum geschaffen hat, aus dem zu fliehen ihm unmöglich ist. Ich war komplett allein als ich das geschrieben habe. Deshalb ist die Einsamkeit so schmerzhaft für den Protagonisten. Wir alle waren schon in Beziehungen, die uns nicht gut getan haben, aber die Angst vor der Einsamkeit hält uns zuweilen in diesen Beziehungen gefangen. Genau das ist mir damals auch passiert.”

“Piss in den Wind”
Buddy Giovinazzo
Pulp Master (www.pulpmaster.de)
ISBN 978-3-927334-40-1
EUR 13,80

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Diese Rezension erschien am 15.3.2012 in der jungen Welt.

Der nackte Kosmos modernen Lebens

von Ulf Schleth

Schon als die Quellenangaben aus Helene Hegemanns „Axoloti Roadkill“ veröffentlicht wurden, musste der eine oder die andere stutzen: mit aufgeführt war auch „Meine Mutter: Dämonologie“ von der 1997 an Brustkrebs gestorbenen Kathy Acker, in der deutschen Erstausgabe erschienen im legendären Berliner Maas Verlag des mittlerweile ebenfalls verstorbenen Erich Maas. Helene Hegemann bediente sich damit bei einer Frau, die selbst eine der Ikonen des Cut-Ups, dem Collagieren von eigenen und fremden Texten war. Was für ein Glück, daß jetzt der österreichische Milena Verlag diese wunderbare Übersetzung wieder neu aufgelegt hat. Dass der Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buch nun in einen Kontext setzt mit Helene Hegemann und Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ lag nicht unbedingt in der Absicht des Verlages, ist aber ein interessantes Phänomen, weil es zum einen die Vergesslichkeit des Literaturbetriebes widerspiegelt und uns zum anderen erlaubt, Querverbindungen herzustellen zwischen Werken, deren erstes Erscheinen 16 Jahre auseinander liegt und deren Autorinnen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Hegemann und Roche hatten beide ihre Skandale. Hegemanns Skandal beruhte weniger auf jenen, die vergessen hatten, dass Cut-Up ein alter (aber schicker) Hut ist, als auf dem Umstand dass sie ihre Technik erweiterte um etwas, das Plagiarismus sehr viel ähnlicher ist: dem Abschreiben bei einem lebendigen Blogger, den sie vorsorglich lieber nicht in ihr Vorhaben einweihte. Roche hatte einen Skandal, weil sie schmutzige Worte benutzte. Beide Skandale gab es nur, weil sie das Glück hatten, bei grösseren Verlagen mit gut geölten PR-Maschinierien veröffentlichen zu dürfen. Und sie hinterliessen beide das Gefühl, daß unser Bildungungsbürgertum immer noch in einem Zeitalter der Prüderie lebt, obwohl wir schon alle Tabubrüche hinter uns haben, die man nur wünschen kann, trotz aller Kit-Kat-Clubs und Youporns dieser Welt.

Und nun nehmen wir Kathy Acker zur Hand, die im Stile eines Tagebuches ihre Cut-Ups herumwirbelt und zu seinem vielschichtigen Spiegel der Gesellschaft und ihrer Selbst verarbeitet und sie so anordnet, als hätten sie von Anfang an genau so aufgeschrieben werden müssen. Kathy Acker ist Punk, Kathy Acker ist ein enfant terrible, Kathy Acker ist politisch, intensiv und unbequem. Und das ist auch ihre Protagonistin: Kompromisslos lebt sie ihr Begehren, erbarmungslos ist ihr Blick hinter die Kulissen unserer Zeit, auf die Lügen der Geschlechterrollen und die der bourgeoisen Familie. Die Aktualität des Buches ist erstaunlich; der Nahost-Konflikt und Afghanistan werden so abgehandelt, dass man verwundert nochmal auf das Erscheinungsdatum schielen muss. Wie wenig sich geändert hat!

Im Kern jedoch verwendet Acker die Beziehung zwischen Colette “Laure” Peignot und Georges Bataille als Anker, um „von den Verstrickungen einer Frau in die widersprüchlichen Impulse von Zuneigung und Einsamkeit“ (Milena) zu erzählen. Sie bricht die Geschlechterrollen auf, seziert das Männliche und das W eibliche unablässig und lässt beide immer wieder aufeinander prallen. Sie macht daraus die Geschichte eines werdenden Menschen, der mit dem Werden nicht mehr aufhört, eine Geschichte der Selbstfindung eines modernen Menschen, der den Kampf mit der Bequemlichkeit, die es bedeutet, Erklärungsmuster wiederzukäuen, nicht scheut.

„ Meine Mutter“ kommt ohne müdes Herumpuhlen in Körperöffnungen und ohne spätpubertäre Mascara-Ergüsse aus. Und ist ein grossartiges Beispiel dafür, wie der verlegerische Mut, den es heutzutage bedarf um einen von der Bildfläche verschwundenen Titel wieder aufzulegen, sich auszahlen kann; zumindest für den Leser. Die Übersetzung von Lotte Dreimann und Angela Rummel musste vom Milena Verlag nur in verschwindend geringem Umfang überarbeitet werden, Herausgeber Thomas Ballhausen hat mit seinen Kolleginnen Ines Freitag und Janina Jonas den Band noch mit einem kleinen Versuch über Ackers Werk abgerundet.

 

296 Seiten, Hardcover
Mit Begleittexten von Ines Freitag, Janina Jonas und Verena Bauer.

€ 23.00 / SFr 40.60

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ISBN 978-3-85286-201-9

Diese Rezension erschien am 5.2.2011 in der taz und am 9.2.2011 in einer anderen Fassung in der jungen Welt.

/death/null

www.deathnull.org/death/null - der Datenfriedhof

„It’s a place to bury a hatchet.
Immortalise the ephemeral.
Make a meme memorial.
Mark a mortal thought.
An Obytuary.“

angefangene liebesbriefe? mp3s die ihr nicht mehr hören könnt? die letzte excel liste fürs finanzamt? beerdigt eure dateien. hier und jetzt. kostenlos, sicher und ohne altersbeschränkung.