Revolution der Sesselpupser

von Ulf Schleth

Mercedes Bunz: "Die stille Revolution - Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen"Wenn neben einem Blog-Artikel über Meucheltaten mexikanischer Drogenkartelle die Werbung eines Mexiko-Reisebüros eingeblendet wird oder wenn jemandem, der auf Amazon nach einem Buch über jüdische Kultur sucht, das Pamphlet eines Holocaustleugners empfohlen wird, dann waren wahrscheinlich sie schuld: die Algorithmen.

Ein Algorithmus ist laut Duden ein Verfahren zur schrittweisen Umformung von Zeichenreihen, also ein Rechenvorgang nach einem bestimmten Schema. In jüngster Zeit wird der Begriff „Algorithmus“ zunehmend für die Mechanismen verwendet, die uns das Gefühl geben, unsere Lieblings-Websites wüssten genau, was wir brauchen und wer wir sind, auch wenn Sie häufig vollkommen danebenliegen.

Deshalb weckt der Titel des Buches „Die Stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“ von Mercedes Bunz falsche Erwartungen. Es geht in diesem Buch nicht primär darum, Algorithmen monographisch zu entmystifizieren, zu entschlüsseln, zu hinterfragen und zu kritisieren. Zentral ist die Frage, wie Digitalisierung der Welt unser Leben auf allen Ebenen beeinflusst.

Unsere Experten- und Dienstleistungsgesellschaft befindet sich im Wandel. Es kann von beliebigen Orten gearbeitet werden, Flirtportale suchen den passenden Partner, Online-Petitionen und Projekte wie LiquidFeedback erweitern die Möglichkeiten der Einflußnahme auf demokratische Prozesse. Revolutionen werden herbeigetwittert und Börsenprogramme können Entscheidungen treffen, die zuvor von Menschen getroffen wurden.

Auswirkungen auf den Journalismus

Jeder kann Produkte auf den Markt bringen, die er dank des Internets in Billiglohnländern herstellen lassen kann. Plötzlich sind Arbeitsplätze bedroht, die vorher für nicht automatisierbar gehalten wurden. Mercedes Bunz ist Journalistin. Sie leitete die Online-Redaktion des Tagesspiegel und schrieb für den Londoner Guardian über Medien und Technologie.

Es ist nicht überraschend, daß sie besonders auf die Auswirkungen für den Journalismus eingeht. So erwähnt sie etwa die Software „Stats Monkey“, die in der Lage ist, mit Hilfe des Internets und einer eigenen Bibliothek von Textmustern selbsttätig Sportberichte zu erstellen. Was passiert mit den Menschen, die vorher diese Arbeit gemacht haben?

Für den Journalismus spielt die neue Öffentlichkeit, die das Internet dem Einzelnen bietet, ebenfalls eine große Rolle. Bunz stimmt in den Tenor ein, mit dem die Branche sich selbst beruhigt: Gut recherchierter, objektiver Journalismus wird weiterhin wichtig sein, die Arbeitsfelder der Journalisten werden sich verändern, aber nicht verschwinden. Über mögliche Finanzierungsmodelle findet sich nichts. Aber das ist leider der Knackpunkt. Werden Zeitschriften, gedruckt oder online, finanzierbar bleiben? Oder werden Journalisten zu bloggenden Einzelkämpfern, die sich ihre Miete zusammenflattrn?

Der eher freie und literarische Umgang der Autorin mit wissenschaftlichen Fakten, ihre Art frei zu assoziieren und einige Themengebiete nur flüchtig zu behandeln, bietet einige Ansätze zu berechtigter Kritik. Der „Algorithmus“ dient ihr als Synonym für „Software“, wohl weil es sich knackiger und neuer anhört und im Zusammenhang mit der Unterstellung künstlicher Intelligenz irgendwie auch spooky klingt.

Fortschrittsgläubigkeit

Dass die von Bunz genannten Techniken von künstlicher Intelligenz noch sehr weit entfernt sind, tritt in der „stillen Revolution“ nicht deutlich genug zu Tage. Ein Algorithmus ist ein Automatismus. Die Vernetzung von Dingen, Menschen und dem Wissen der Welt, wird ermöglicht und gesteuert von Automatismen, die wiederum kontrolliert eingesetzt werden.

Mit Kritik an den möglichen Auswirkungen dieses Zusammenspiels hält sich Bunz zurück, so daß der Eindruck einer gewissen Fortschrittsgläubigkeit entsteht. Aber die Kritik fehlt zum Glück nicht ganz. Eli Pariser zum Beispiel, der die Vorauswahl von Informationen kritisiert, die Google, Facebook & Co ihren Benutzern oft ungefragt aufdrängen, findet immerhin in einem Satz Erwähnung.

Jenen, deren politischer Aktivismus darin besteht, Online-Petitionen zu unterzeichnen, nimmt sie den Wind aus den Segeln, indem sie den Publizisten Evgeny Morozov heranzieht, um die Quintessenz seines Buches „The Net Delusion“ treffend zu formulieren: „Die Revolution der Sesselpupser lässt einstweilen noch auf sich warten. Um wirklich einen Effekt zu haben, müssen die sogenannten ‘Clicktivisten’ auch in der realen Welt etwas auf die Beine stellen.“

Trotzdem, „Die stille Revolution“ ist eine Leistung. Der Autorin ist es gelungen, auf 169 Seiten in geballter Form die Entwicklung des Internets und dessen immensen Einfluss auf unsere Lebens- und Arbeitswelt darzustellen. Sie liefert keine neuen Erkenntnisse, zeigt aber alle wichtigen Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, Globalisierung, Vernetzung, Datenballungen, Miniaturisierung von Endgeräten, dadurch bedingten sozialen Veränderungen und weiteren Aspekten modernen Lebens.

Guter Einstieg

Es wird ein guter Einstieg in und Überblick über diese Thematik geboten. Bei reflektiertem Genuß eine geeignete Grundlage für die kritische Diskussion. Dem interessierten Leser wird ein umfangreiches Literaturverzeichnis an die Hand gegeben, das von Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ über Frank Schirrmachers „Payback“ bis hin zu Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” alles nötige enthält.

Nach der Lektüre dieses Buches dürfte selbst dem widerspenstigsten Digitalisierungsignoranten klar sein, wie tief die Auswirkungen der Vernetzung von Menschen, Daten und Software auf die Gesellschaft und damit auch auf sein Leben wirken und dass er – soweit er das politische und wirtschaftliche Leben weiterhin mitbestimmen will – sich schleunigst mit diesen Dingen beschäftigen sollte.

Frau Bunz prophezeit, dass die Bedeutung des Geldes für die Gesellschaft durch neue und günstigere Produktions- und Kollaborationsmöglichkeiten abnehmen wird: „Zudem ist nun nicht mehr das Budget ausschlaggebend für die Größe eines Projekts. Entscheidend für die Durchführung ist nicht die Höhe der finanziellen Aufwendungen, sondern die Koordination von Geräten, Räumen und Fähigkeiten.“ Und nicht zuletzt, weil das mehr als zweifelhaft ist, ist es nötig, das Bewußtsein für diese stille Revolution der Dinge zu schärfen.

Mercedes Bunz: „Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“.
Suhrkamp Berlin 2012
169 Seiten
14 Euro

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Dieser Artikel erschien am 18.04.2013 auf taz.de.

La Santa Muerte

John Giblers Buch über Frau Tod, die Heilige aus Mexiko

Von Ulf Schleth

So lange die Gewalt abstrakt bleibt, dient sie der Unterhaltung. Das Leiden, das damit verbunden ist, ist im täglichen Nachrichtengemetzel kaum wahrnehmbar. Die Bilder von Opfern des Drogenkrieges in Mexiko bleiben schauriges Infotainment, das Geschichten erzählt von weit entfernten Dingen. Dingen, mit denen man nichts zu tun hat und nichts zu tun bekommen will, von der kleinen Gänsehaut einmal abgesehen.

Das ändert sich schlagartig, wenn ein Freund aus dem Urlaub zurückkehrt und erzählt, wie seine Bekannten, die einen Bootsverleih in Mexiko betreiben, schon mehrfach bedroht wurden. Ihnen und ihren Kindern könne etwas zustoßen, wenn sie nicht für ihren Schutz zahlen würden. Daß ihm einige Male von bewaffneten Dealern in den Bars der Stadt offen Drogen angeboten wurden. Und daß ihm die Geschichte von einem jungen Absolventen der Polizeischule erzählt wurde, der vor seiner Haustür erschossen wurde, weil er sich nicht bestechen ließ. In einem Land, das über eines der schärfsten Waffengesetze des Kontinents verfügt. Aber was nützen Gesetze, wenn sich niemand daran hält.

Beschäftigt man sich eingehender mit der Situation Mexikos, nimmt die Fassungslosigkeit noch zu. Mexiko ist ein Land, in dem die Herstellung, Vermarktung und der Transport von Drogen und allen damit verbundenen Tätigkeiten zu einem integralen Wirtschaftsfaktor geworden ist. In dem es schwierig geworden ist, Erwerbsmöglichkeiten zu finden, die nicht auf die eine oder andere Weise mit dem Drogengeschäft zusammenhängen. In dem die Kartelle ihre Konkurrenz, unfolgsames Fußvolk, Menschenrechtler und sogar Journalisten mit äußerster Brutalität einschüchtern. In dem Regierung, Militär und Polizei korrupte Bestandteile des Systems der Angst sind.

Verhaftungen von Mitgliedern der Kartelle haben lediglich Alibifunktion. Zu welchem Drogenkartell die Verhafteten gehören, hängt im Wesentlichen davon ab, welchem Kartell die Regierenden am ehesten zugetan sind (unter Calderón machten Mitglieder des Sinaloa-Kartells nur 12 Prozent der Verhafteten aus, obwohl es für 84 Prozent der Morde in diesem Zusammenhang verantwortlich war). Es kommt nicht selten vor, daß frisch Verhaftete nach kurzer Zeit wieder frei kommen, weil Beweise verschwinden oder ignoriert werden.

Die Mexikaner haben im Allgemeinen ein recht natürliches Verhältnis zum Tod. Und sie haben »La Santa Muerte«, die Heilige Frau Tod. Das ändert nichts daran, daß viele im Klima der allgegenwärtigen Bedrohung fast ersticken. Krankenwagen nehmen keine Opfer mit Schußwunden mehr mit, weil die Sanitäter zu große Angst vor Verfolgung haben.

Mexikos Popkultur wird musikalisch von Narcocorridos bestimmt, die die „Heldentaten“ der Drogenbosse besingen. Die USA, die Mexiko mit Hilfe in Milliardenhöhe in einem Drogenkrieg unterstützen, den man allenfalls als Farce bezeichnen kann, wissen das alles. Und verdienen kräftig mit. Auch nach der Wahl von Peña Nieto zum Präsidenten Mexikos wird sich nicht viel ändern.

Es gibt Mutige in Mexiko, die unter Einsatz ihrer Gesundheit gegen Wahlbetrug, für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen, allen voran die Protestbewegung „Yo Soy 132“. In der westlichen Medienlandschaft ist wenig davon zu hören. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß es die erste Welt ist, deren Geld die Schatzkammern der Drogenbarone füllt. Die sich den Stoff reinpfeift, der aus oder durch Mexiko hindurch kommt. Auch die deutsche Wirtschaft verdient gut mit. Im März 2012 wurde bekannt, daß Heckler & Koch tausende G36-Gewehre nach Mexiko geliefert hat. Daß in Mexiko Verhaftungen durch die Polizei dokumentiert wurden, bei denen die Verhafteten kurz später hingerichtet und in Teppiche gewickelt aufgefunden wurden, sollte auch den Verantwortlichen bei Heckler & Koch nicht entgangen sein.

“Sterben in Mexiko” von John Gibler verspricht im Untertitel “Berichte aus dem Inneren des Drogenkrieges”. Das ist etwas hoch gegriffen – Gibler ist kein Narco-Wallraff, er kann nicht allzu tief in den Alltag der Drogenkartelle eindringen. Aber was er kann, ist viel wichtiger. Er läßt uns einen Blick hinter die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhänge werfen, erklärt, warum der Drogenkrieg seine Wurzeln im Rassismus hat, und macht klar, daß wir weniger ein Problem mit Mexiko haben, als Mexiko mit uns. Gibler hat ausführlich recherchiert und gibt allen, die sich tiefer in das Thema einlesen wollen, gut geschriebenes Material in die Hand. Leider ist die Übersetzung mit einer sehr, sehr heißen Nadel gestrickt worden. Aber wenigstens hat man so bei der Lektüre auch was zu lachen.

John Gibler: “Sterben in Mexiko. Bericht aus dem Inneren des Drogenkriegs.”
Edition Tiamat
Berlin 2012
192 S.
16,- Euro

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Dieser Artikel erschien am 11.12.2012 in der jungen Welt.

PDFs unter Linux beschneiden

ein installiertes pdftk und imagemagick vorausgesetzt, kann man folgendermassen relativ verlustfrei und bei kleiner dateigrösse eine pdf-datei um seiten erleichtern und die ränder abschneiden. das pdf in diesem fall enthält ausschliesslich bilder die bei 300 dpi gescanned wurden.

so entfernt man die erste seite des PDF:

pdftk ackerbau.pdf cat 2-end output ackerbau_1.pdf

so entfernt manvom linken rand sämtlicher seiten 190 pixel, vom unteren 52:

convert -quality 100 -density 300 ackerbau_1.pdf -crop +190-52 +repage -monochrome -resample 300 -compress zip ackerbau_2.pdf

und so entfernt man vom rechten rand 0 pixel und vom oberen 30:

convert -quality 100 -density 300 ackerbau_2.pdf -crop -0+30 +repage -monochrome -resample 300 -compress zip ackerbau_3.pdf

Frankenstein im Land der Klischees

von Ulf Schleth

Buddy Giovinazzo ist ein erstaunlicher Mensch. Nachdem sein wunderbarer Film “Unter Brüdern” (besser zu sehen im Original unter dem Titel “No Way Home”), den er mit Tim Roth, Deborah Unger und James Russo besetzen konnte, damals nie wirklich in den  Kinos lief, entschloss er sich, Amerika zu verlassen und sich in Deutschland mit  Regiearbeiten für Tatort und Polizeiruf die Schriftstellerei zu finanzieren. Denn heutzutage verdient niemand Geld, nur weil er schreiben kann. Ausser er hat viel Glück, eine grosse Marketingmaschine hinter sich oder geht in die Werbung. Giovinazzo schien aber nie grosse Lust zu haben, sich mit seiner Literatur zu prostituieren. Warum sonst sollte er auch bei Pulp Master veröffentlichen. Einem Verlag, mit dessen Programm man locker die Sommerferien eines ganzen Menschenlebens zu einem Riesenspektakel machen kann, der sich aber nie um Konventionen oder Massentauglichkeit geschert hat. Und also auch (fast) nichts verdient.

Die Lektüre von Giovinazzos neuen Romanes “Piss in den Wind” löst anfänglich Stirnrunzeln aus. Überall stolpert man über Klischees. Um die Schizophrenie von James Gianelli zu untermauern, wird ihm eine schwere Kindheit verpasst, in deren Verlauf er zuweilen auch schonmal Insekten in seinem Schuh zerquetscht, ins Bett pullert, versehentlich seinen Bruder erschiesst und das mit den Mädchen läuft auch nicht so gut. Er versagt beim Flaschendrehen und seine Highschool-Abschiedsballverabredung, bei der er eh nur die Rolle der Notlösung gespielt hat (was sonst), platzt. Das geht dann so weiter. Er wird Lehrer für Fotografie. Als Lehrer wird man natürlich immer von allen Mädchen angehimmelt und kann seine Studentinnen ganz locker ins Bett bekommen. Das hat er sich ja nett hingebastelt, der Giovinazzo, denkt man sich. und dann kommt der letzte Stolperstein: die Erwähnung von van Goghs abgeschnittenem Ohr. Schon immer das Nonplusultra um dem Leser zu verdeutlichen, dass man es hier wirklich mit einem extrem irren und gefährlichen (uuuhhh) Exemplar zu tun hat. Das bringt einen dann zu Fall. Man legt das Buch weg. Eine Überdosis Klischee. Bis dann etwas seltsames passiert. Die eigenen Hände verselbständigen sich und greifen sich das Ding wieder. Das übrigens wieder ein schön buntes Cover von dem Hamburger Künstler 4000 schmückt.  Ohne es zu merken, ist man längst in den Sog der Handlung geraten, ist gefangen vom sich langsam steigernden Irrsinn, von der wachsenden Spannung, wie weit Gianelli es noch treiben wird, ob es ihm nicht reicht, seine eigene Frau umzubringen und in den Fluten zu versenken nur um kurz darauf eine längerfristige Beziehung mit einer anderen Wasserleiche zu beginnen. Erst tut Gianelli einem Leid, man denkt sich “was für ein Würstchen, weil er mit einer echten Frau nicht leben kann, schafft er sich eine in seiner Phantasie, endlich hat er Macht über jemand anderen, jemanden, den er sich formen kann wie es ihm beliebt, wie erbärmlich”. Bis einem klar wird, dass nicht Gianelli es ist, der die Macht hat. Man beginnt die Schizophrenie zu spüren, wie sie einem den Rücken hochkriecht. Bis ganz nach oben ins Hirn gelangt sie aber zum Glück nicht, Giovinazzos Humor verhindert weiterreichende Kollateralschäden beim Leser. Sein trockener Witz ist es auch, der es leichter macht, die Botschaft zu erkennen.

Um “Piss in den Wind” zu lesen, muss man nicht bis zu den Sommerferien warten, es ist genau die richtige Lektüre, um diesen ekligen, abgebrochenen Winter zu verarbeiten und sich in die entstehenden Frühlingsgefühle hineinzulesen. Auch wenn Gianellis Gefühle einer Toten gelten, das sollte für Freunde und Freundinnen von Krimialliteratur kein Problem sein. Buddy Giovinazzo, der jetzt auch wieder Filme in den Staaten dreht und gerade nach dem Abschluss eines Horrofilms wieder nach Berlin zurückkehrt, sagt auf die Frage, was dieses Buch für ihn bedeute: “Die Geschichte in diesem Buch habe ich jahrelang in meinem Kopf mit mir herumgetragen. Es ist wie bei Frankenstein; ein Mann erschafft etwas, von dem er glaubt es sei die perfekte Frau, nur um festzustellen, dass er einen Alptraum geschaffen hat, aus dem zu fliehen ihm unmöglich ist. Ich war komplett allein als ich das geschrieben habe. Deshalb ist die Einsamkeit so schmerzhaft für den Protagonisten. Wir alle waren schon in Beziehungen, die uns nicht gut getan haben, aber die Angst vor der Einsamkeit hält uns zuweilen in diesen Beziehungen gefangen. Genau das ist mir damals auch passiert.”

“Piss in den Wind”
Buddy Giovinazzo
Pulp Master (www.pulpmaster.de)
ISBN 978-3-927334-40-1
EUR 13,80

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Diese Rezension erschien am 15.3.2012 in der jungen Welt.

Der nackte Kosmos modernen Lebens

von Ulf Schleth

Schon als die Quellenangaben aus Helene Hegemanns „Axoloti Roadkill“ veröffentlicht wurden, musste der eine oder die andere stutzen: mit aufgeführt war auch „Meine Mutter: Dämonologie“ von der 1997 an Brustkrebs gestorbenen Kathy Acker, in der deutschen Erstausgabe erschienen im legendären Berliner Maas Verlag des mittlerweile ebenfalls verstorbenen Erich Maas. Helene Hegemann bediente sich damit bei einer Frau, die selbst eine der Ikonen des Cut-Ups, dem Collagieren von eigenen und fremden Texten war. Was für ein Glück, daß jetzt der österreichische Milena Verlag diese wunderbare Übersetzung wieder neu aufgelegt hat. Dass der Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buch nun in einen Kontext setzt mit Helene Hegemann und Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ lag nicht unbedingt in der Absicht des Verlages, ist aber ein interessantes Phänomen, weil es zum einen die Vergesslichkeit des Literaturbetriebes widerspiegelt und uns zum anderen erlaubt, Querverbindungen herzustellen zwischen Werken, deren erstes Erscheinen 16 Jahre auseinander liegt und deren Autorinnen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Hegemann und Roche hatten beide ihre Skandale. Hegemanns Skandal beruhte weniger auf jenen, die vergessen hatten, dass Cut-Up ein alter (aber schicker) Hut ist, als auf dem Umstand dass sie ihre Technik erweiterte um etwas, das Plagiarismus sehr viel ähnlicher ist: dem Abschreiben bei einem lebendigen Blogger, den sie vorsorglich lieber nicht in ihr Vorhaben einweihte. Roche hatte einen Skandal, weil sie schmutzige Worte benutzte. Beide Skandale gab es nur, weil sie das Glück hatten, bei grösseren Verlagen mit gut geölten PR-Maschinierien veröffentlichen zu dürfen. Und sie hinterliessen beide das Gefühl, daß unser Bildungungsbürgertum immer noch in einem Zeitalter der Prüderie lebt, obwohl wir schon alle Tabubrüche hinter uns haben, die man nur wünschen kann, trotz aller Kit-Kat-Clubs und Youporns dieser Welt.

Und nun nehmen wir Kathy Acker zur Hand, die im Stile eines Tagebuches ihre Cut-Ups herumwirbelt und zu seinem vielschichtigen Spiegel der Gesellschaft und ihrer Selbst verarbeitet und sie so anordnet, als hätten sie von Anfang an genau so aufgeschrieben werden müssen. Kathy Acker ist Punk, Kathy Acker ist ein enfant terrible, Kathy Acker ist politisch, intensiv und unbequem. Und das ist auch ihre Protagonistin: Kompromisslos lebt sie ihr Begehren, erbarmungslos ist ihr Blick hinter die Kulissen unserer Zeit, auf die Lügen der Geschlechterrollen und die der bourgeoisen Familie. Die Aktualität des Buches ist erstaunlich; der Nahost-Konflikt und Afghanistan werden so abgehandelt, dass man verwundert nochmal auf das Erscheinungsdatum schielen muss. Wie wenig sich geändert hat!

Im Kern jedoch verwendet Acker die Beziehung zwischen Colette “Laure” Peignot und Georges Bataille als Anker, um „von den Verstrickungen einer Frau in die widersprüchlichen Impulse von Zuneigung und Einsamkeit“ (Milena) zu erzählen. Sie bricht die Geschlechterrollen auf, seziert das Männliche und das W eibliche unablässig und lässt beide immer wieder aufeinander prallen. Sie macht daraus die Geschichte eines werdenden Menschen, der mit dem Werden nicht mehr aufhört, eine Geschichte der Selbstfindung eines modernen Menschen, der den Kampf mit der Bequemlichkeit, die es bedeutet, Erklärungsmuster wiederzukäuen, nicht scheut.

„ Meine Mutter“ kommt ohne müdes Herumpuhlen in Körperöffnungen und ohne spätpubertäre Mascara-Ergüsse aus. Und ist ein grossartiges Beispiel dafür, wie der verlegerische Mut, den es heutzutage bedarf um einen von der Bildfläche verschwundenen Titel wieder aufzulegen, sich auszahlen kann; zumindest für den Leser. Die Übersetzung von Lotte Dreimann und Angela Rummel musste vom Milena Verlag nur in verschwindend geringem Umfang überarbeitet werden, Herausgeber Thomas Ballhausen hat mit seinen Kolleginnen Ines Freitag und Janina Jonas den Band noch mit einem kleinen Versuch über Ackers Werk abgerundet.

 

296 Seiten, Hardcover
Mit Begleittexten von Ines Freitag, Janina Jonas und Verena Bauer.

€ 23.00 / SFr 40.60

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ISBN 978-3-85286-201-9

Diese Rezension erschien am 5.2.2011 in der taz und am 9.2.2011 in einer anderen Fassung in der jungen Welt.

Der Datenfriedhof, ein lauschiges Plätzchen …

www.deathnull.org/death/null - der Datenfriedhof

„It’s a place to bury a hatchet.
Immortalise the ephemeral.
Make a meme memorial.
Mark a mortal thought.
An Obytuary.“

angefangene liebesbriefe? mp3s die ihr nicht mehr hören könnt? die letzte excel liste fürs finanzamt? beerdigt eure dateien. hier und jetzt. kostenlos, sicher und ohne altersbeschränkung.

“Ich frage mich, wie man sich ohne Fotos erinnern kann …”

von Ulf Schleth

Claudia Reinhardts Fotografie geht über Selbstinszenierung hinaus. Sie ist Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin, ihre Fotos sind Standbilder der Filme, die sie im Kopf des Betrachters ihrer Kunst dreht. Unbequeme Filme, die sich mit Geschlechterrollen befassen, mit Gewalt gegen andere und sich selbst, mit dem Profanen des Besonderen und der Einsamkeit des Daseins. Ihre Fotos zeigen das Beängstigende am Privaten und das politische im Individuellen. Sie sind die Tränen des Mainstreams.

Im Frühjahr 2004 erschien mit “Killing Me Softly” die erste Buchveröffentlichung von Claudia Reinhardt. In einem Einband wie dem eines Vogue-Sonderheftes versammelte sie zehn Fotos ihrer Reihe “Todesarten”, begleitet von zehn schönen kurzen Texten. Jedes Foto die Inszenierung des Freitods einer Künstlerin (mit Ausnahme der Wissenschaftlerin Clara Immerwahr und des Künstlers Pierre Molinier), dargestellt von Claudia Reinhardt, jeder Text widmet sich sachlich, prosaisch oder lyrisch dem Lebens- und Sterbensweg der Künstlerin, verfaßt von jeweils einer Autorin. Julia Solis über Unica Zürn, Gaby Frank über Clara Immerwahr, Ingrid Müller-Farny über Sylvia Plath, Ingeborg Gleichauf über Ingeborg Bachmann, Annette Weber über Diane Airbus, … Die Buchpräsentation war ein gefühlsintensiver Trip durch Leben und Leiden der portraitierten Personen. Am Nebentisch flossen Tränen und niemand verließ den Saal ohne auf irgendeine Art unangenehm berührt worden zu sein. Am Ende sind die Bilder hängen geblieben, als Momentaufnahmen des Endgültigen.

Jetzt ist im Berliner Verbrecher Verlag ein neues Buch erschienen. In “No Place Like Home” beschäftigt sich Claudia Reinhardt mit ihren Wurzeln, ihrer Vergangehneit und dem Begriff der Heimat. Was man in den Lebensläufen von Claudia Reinhardt zumeist vergeblich sucht, steht hier im Mittelpunkt: Sie ist im hessischen Viernheim geboren. Einer typischen Stadt mit 30000 Einwohnern, die sich auf ihrer Website rühmt, eine Frauenbeauftragte zu beschäftigen und über ein Begrüßungskommitee für Neubürger zu verfügen: “Sie möchten bei der Integration von Neubürgern helfen.” Man sucht anfangs vergeblich nach Claudia Reinhardt. Die Bilder sind menschenleer. Es sind die Dinge, die hier in Szene gesetzt werden, ohne arrangiert worden zu sein. Triste Straßen, triste Einfamilienhäuser, Verteilerkästen in Vorgärten und der beklemmende Mief des trauten Heims. Die Tristesse wird noch gesteigert durch die Farbe des Papieres, die das Grau eines Regentages noch grauer erscheinen läßt.

Claudia Reinhardt ist eine Fotografin und dieses Buch ein Bildband und kein bebilderter Roman, auch wenn durch das etwas unglückliche Layout dieser Eindruck ensteht. Während die literarische Qualität des Textes zu wünschen übrig läßt, ist die dokumentarische umso größer. Reinhardts unbeholfener Stil verleiht den Bildern noch mehr Authentizität. Sie gibt ihre Kindheitserinnerungen im Stile eines Mädchentagebuches wieder: “Dieser Onkel war ein echtes Schwein. Er hatte eine laute, dreckige Lache und fingerte gerne an uns rum.” Sie schreibt nicht nur von sich selbst, sie schreibt von der Familie eines jeden. Von den unaussprechlichen Dingen, die man nur mit wenigen teilt, die aber doch fast alle Familiengeschichten gemeinsam haben. Deutsche Kleinstädte sind deprimierend und sie bringen Deprimierendes hervor. Aber Großstädte sind letztendlich auch nur potenzierte Kleinstädte mit ein paar Freiräumen dazwischen.

Der Verbrecher Verlag hat es mit diesem Buch geschafft, seinen ersten auch drucktechnisch wirklich gelungenen Band auf den Markt zu bringen. Nicht zuletzt mit Unterstützung der Kunstakademie der finnischen Stadt Bergen, an der Claudia Reinhardt einen Lehrauftrag inne hat.

www.claudia-reinhardt.de
Claudie Reinhardts Homepage.

“Killing Me Softly – Todesarten”
Aviva
ISBN 3-932338-21-9
EUR 29,80

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“No Place Like Home”
Verbrecher Verlag
ISBN 3-935843-62-3
EUR 18,-

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Wien Hund

oder: Müssen Schriftsteller sympathisch sein?

von Ulf Schleth

Das Buch ist schon ein paar Monate auf dem Markt, vermutlich wegen der großen Nachfrage mußte die Verlagsbuchhandlung Liebeskind ganz schnell eine zweite Auflage drucken. Der Titel des Buches „Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell“ läßt auf ein gutmeinendes Kinderund Jugendbuch für 14-18jährige schließen, das Cover auf einen Ratgeber für Hundenarren. Daher die anziehende Wirkung des Buches auf Frauen am Nebentisch. Es befinden sich 14 Kurzgeschichten darin, geschrieben von dem Dänen Arne Nielsen.
Die Texte sind vor allem eines: beunruhigend. Insgesamt ist die Lektüre geeignet, den Leser zu verstören und ihn schaudernd in seinem Gartenstuhl zurückzulassen. Unerwartete und seltsame Dinge geschehen. Nielsen denkt nicht im Traum daran, sie dem Leser zu erläutern. Das Furchtbare bleibt unausgesprochen. Ungeheuerliches läßt sich erahnen. Düstere Dinge, Inzest und Mord.
Nielsen schreibt schön und schlicht, manchmal ein bißchen wie ein Kind, das einen Alptraum hatte.
So manche drastische Formulierung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Als zum Beispiel Ed nach Hause kommt und auf das Huhn seines ehemaligen Freundes Donny trifft: „Doch dann hatte ich es und schlug es als erstes auf den Rasen. Dann auf den Gartentisch. Und dann gegen alles.“ Ein besonders schöner Text beginnt mit dem Satz „Heinrich hat auf den Boden geschissen, und es klebt Schokolade an der Decke.“ In einigen der Geschichten trifft man auf vierbeinige Freunde, die Stadt Wien oder beides.
Ende Mai 2004. Arne Nielsen liest im Salon. Er liest nicht nur, er erzählt zwischendrin Geschichten, gibt ein bißchen an und nörgelt mehrfach, weil ihm zu wenig Zuhörer da sind. Wenn er liest, sieht er aus, als habe er furchtbare Kopfschmerzen dabei. Das muß er vor dem Spiegel geübt haben. Sein starker dänischer Akzent wirft die Frage auf, warum er nicht auch in Dänemark veröffentlicht.
Vielleicht hat er den Akzent auch geübt. Er scheint nicht viel für seine schreibenden Landsleute übrig zu haben: „Mit Sicherheit gibt es in Dänemark gute zeitgenössische Literatur – ich werde nur nicht da sein.“ Nach der Lesung geht die Frau neben mir zu ihm, um ein Kompliment loszuwerden.
Schelmenhaft faßt er sie an der Hand. Meine Frau sagt zu mir: „Der ist genau so ein Macho-Arschloch wie du.“ Ich sage: „Du mußt den Autoren von seinem Werk trennen. Wenn einer ein Buch geschrieben hat, gehört es nicht mehr ihm, sondern dem Leser. Künstler müssen nicht sympathisch sein.“ Wir streiten uns und ich muß auf dem Sofa schlafen. Aber ich bin trotzdem glücklich, ich habe ja das Buch.

Arne Nielsen
„Donny hat ein neues Auto und fährt viel zu schnell“
liebeskind
ISBN: 3-935890-18-4,
EUR 14,90

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Real Krimi aus der Kurve

von Ulf Schleth
Berliner Zeitung, 14.06.99: „’Ich weiß nicht, warum die uns als Treffpunkt ausgesucht haben’, sagte am Sonntag Christian Henning, Juniorchef des Eiscafés Henning in der Karl-Marx-Allee in Mitte. In seinem Café hatten sich am Sonnabend nachmittag etwa 90 polizeibekannte Hooligans aus Bremen, Potsdam und Berlin verabredet. Nach Angaben der Polizei trafen sie dort offensichtlich Absprachen für eine organisierte Schlägerei in einem nahegelegenen Wohngebiet mit Fußballfans aus München. Die Menschenmenge auf der Café-Terrasse habe bedrohlich auf ihn gewirkt, sagte Henning. ‚Weil ich nicht genug Bier da hatte, sind sie aber zum Glück bald weitergezogen.’“

Ein Zitat vom DFB-Pokalfinale zwischen Werder Bremen und Bayern München im ausverkauften Olympiastadion. Die verhinderte Schlägerei spielt eine wichtige Rolle in Andreas Rüttenauers Roman „Pokalfinale“, der soeben im Berliner Verbrecher-Verlag erschienen ist. Erstens kommt sie darin vor. Zweitens verweist das obenstehende Zitat auf ein paar zentrale Handlungskomponenten und bevorzugte Orte des Geschehens. Drittens hat dieser Zwischenfall den Stein des Anstoßes ins Rollen gebracht. An diesem Tag hat Andreas Rüttenauer beschlossen, ein Buch zu schreiben. Ein Buch über die Leute, die ihm bei jedem Stadionbesuch aufs neue das „wahnsinnige Erlebnis Fußball“ vermiesen. Gott sei’s gedankt.

Rüttenauer, ein aus München nach Berlin emigrierter Kabarettist und Sportjournalist, hat mit „Pokalfinale“ so ganz nebenbei ein Buch geschrieben, das mitreißt wie ein Krimi von James Ellroy, realistisch ist wie ein echter Bukowski und gleichzeitig politisch wertvoll wie ein Hanif Kureishi. Wir begleiten eine Handvoll junger Deutscher, die sowohl aus der ostdeutschen als auch aus der bayerischen oder sonstigen Provinz stammen könnten – eigentlich muß es nicht einmal Provinz sein, wenn man sich so umsieht. Ihr Leben spielt sich ab zwischen Fußball, Bier trinken, Sex (vorzugsweise nicht mit der eigenen Frau) und der Vertreibung alles Fremden, ‚nicht-arischen’ aus ihrer kleinen überschaubaren deutschen Welt.

Junge Männer, bei denen sich vereinzelt schon ein erster Bauchansatz zeigt, die meisten mit Abitur, die gerne sein wollen wie Proleten und es deshalb auch sind. Ihre Statussymbole sind Autos, das allgemeine Schluckvermögen und jede Menge Muskeln. Mit vereinten Kräften schaffen sie es, ihre nähere Umgebung weitgehend von allem freizuhalten, was ihnen schädlich erscheint: „Direkt an der Bundesstraße, beim ersten Ortsschild, das war ihr Zuhause. Wer von außen kommt, soll gleich sehen, was Sache ist in ihrem Ort. Kampfansage an die Zecken, die sollen sich nur trauen, aber die sind doch nur feige. Vielleicht treibt eines Tages ja der Zufall eine Zecke auf den Parkplatz. Das wünschen sich nicht wenige, denn außer Alk läuft nicht viel an der Bundesstraße.“

Nazis sind sie alle. Ihre Helden sind die Hooligan-Schränke und Glatzen aus der Kurve im Stadion. Aber da zeichnet sich noch ein anderes Ideal ab: „Der Bruder“, er ist ihnen in allem immer einen Schritt voraus und verdient deshalb ihre Bewunderung. Er ist fit, er hat es drauf und er kann sogar reden. Sie fühlen sich in höchste Höhen emporgehoben, als der Bruder sie an einer Aktion zum Wohle der Volksgemeinschaft teilnehmen läßt: Die Bomberjacken, ihre Freundinnen und ein paar Parteimitglieder pflanzen Bäume in der Neubausiedlung. Was für ein Spaß. Sieh sich einer die erschrockenen Journalistenfressen an. Ist ja klar. Wo Potential ist, ist auch jemand, der es politisch instrumentalisiert.

Die meisten haben schon Frauen. Frauen sind auf eine gewisse Art Menschen zweiter Klasse; ähnlich wie Ausländer und Zecken, aber irgendwie auch anders, man braucht sie und hat sogar ein bißchen Angst vor ihnen. Der eine oder andere empfindet aufkeimende Gefühle für eine Frau. Das aber sollte man nicht an die allzu große Glocke hängen. Denn dann bekommt man die Realität gleich um die Ohren gehauen. Daß das mit der Liebe nur Stuß ist. Warte bis das erste Balg da ist und Du wirst schon sehen. Danach zicken die nur noch rum. Dann werden die Frauen zu den Parasiten daheim, aber sie haben Macht. Wer geschickt ist, macht ihnen Geschenke um sie zu besänftigen. Außerdem kümmern sie sich um den Erhalt der eigenen Rasse, dafür sind sie zu gebrauchen.

Mit dem Sex sieht es da ganz anders aus: Die Urlaubsbilder aus Cuba zeigen es. Geile Negerbräute, die für wenig Geld zu haben sind. Da haben sie es ganz wild getrieben. Und auch im Freibad werden mal die Ausländerinnen mitgezählt, wenn ein paar gut gebaute dabei sind. Das erhöht die Bockzahl. Aber mit so einer ein Kind machen, da wär man sofort raus aus der Clique und das wäre auch nicht förderlich fürs deutsche Erbgut.

„Pokalfinale“ liest sich in einem Rutsch. Ein Schauer jagt den anderen über den Rücken.  Es kann nicht schaden, einen Eimer danebenzustellen, denn es wird einem des öfteren schlecht bei der Lektüre. Aber damit sollte man es halten wie die Protagonisten, wenn Sie zuviel „Suppe“ gekippt haben: Einfach kotzen und weiterlesen. Es lohnt sich. Rüttenauer schafft es, den Roman in der Sprache seiner Darsteller zu halten, was die Beklommenheit steigert, denn es macht klar, daß die Welt, die sich dem Leser da öffnet, die Realität ist. Abgesehen von allem Fußball und fremdenfeindlichen Gedankengut ist es Rüttenauers erklärtes Ziel, ein bestimmtes Männerbild zu zeichnen. Wahrscheinlich ist es dieses Männerbild, das einem manchmal ein Lachen der Verzweiflung aus der Kehle löst. Endlich haben wir ein hervorragend geschriebenes Zeugnis von der dumpfen, hirntoten Welt dieser Menschen, die uns schon viel zu lange auf die Nerven gehen.

Rüttenauer, Andreas: Pokalfinale.
Roman. 2003. 144 S.. Kartoniert. 133gr.
ISBN: 3-935843-24-0, KNO-NR: 12 21 18 81
Verbrecher Verlag
12.00 EUR

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Generation B

Claudia Wahjudis Roman „Metroloops – Berliner Kulturentwürfe“

von Ulf Schleth

Haben die Verlage uns in den letzten Monat noch ziemlich genervt mit ihrem Verständnis vom Berlinroman, schreiben unsere Jungliteraten immernoch an ihren Versionen, sofern sie noch keinen Treffer gelandet und schon durch die Talkshows geschleift wurden und haben wir den albernen ‚Generation X‘ Hype längst hinter uns gelassen, ist es jetzt endlich mal gelungen: Claudia Wahjudi, die einige vielleicht als Redakteurin des Berliner Stadtmagazines ‚Zitty‘ kennen werden, hat im Stillen ein Buch geschrieben, das alles auf einen Punkt bringt: Das Leben in der Großstadt, die Situation der Um-die-30-Leute, die Querelen der Sub- und Superkultur, die Scheinselbständigkeit und den ganzen Rest.

Der Roman, der eigentlich ein Sachbuch ist, irgendwie aber auch wieder nicht, basiert auf Claudia Wahjudis diversen Artikeln in den Zittys der letzten Jahre und verbindet sie durch Erzählungen aus dem Leben von Leuten, von denen die meisten irgendwann mal nach Berlin gezogen sind um zu studieren, um berühmt zu werden oder um selbstbestimmt zu arbeiten. Deshalb ist ‚Metroloops‘ auch eine gute Anschaffung und ein gutes Geschenk für Leute, die vorhaben demnächst nach Berlin zu ziehen, für Leute die in Berlin leben und ihren Eltern mal klarmachen wollen, wie kompliziert ihr Leben eigentlich ist und natürlich für diejenigen, die sich auf eine archäologische Reise durch die Landschaft Berliner Clubs, Szene, Kultur und Lebensgewohnheiten machen wollen.

Zwar verwirrt manchmal die chronologische Abfolge der Erzählungen und Portraits in ‚Metroloops‘ und der Text schafft es nicht ganz ohne kleinen Hänger zum Ausgang, kann aber zu 95% fesseln. Ein Buch in dem sich jeder wiederfinden kann, auch diejenigen die nicht namentlich erwähnt werden. Nicht immer leicht für die, die ein Identifikationsmuster finden, Claudia Wahjudi ist nicht eben zimperlich mit Ironie. Dir wird vor Augen geführt, daß diese ganzen Großstadtunterhaltungen, die Großstadtmüdigkeit und damit verbundene Ideen aufs Land zu ziehen, der joblose Frust nach beendigtem Studium, daß das alles Dinge sind, die permanent hinter den Fassaden der Metropole durchgekaut werden. Und Du fragst Dich, ob Du nicht mehrere tausend Stunden wertvoller Gesprächszeit besser hättest opfern können, wenn Du das Buch VORHER gelesen hättest.

Wenn Dich gerade Deine Freundin verlassen hat, verschafft dir dieser Gedanke vielleicht ein kleines Dejavu: „Mit jedem Lebensabschnitt ein neuer Gefährte und so fort, bis man 60 ist? Warum schaft das keiner mehr, den anderen mit ins nächste Abteil zu nehmen, warum muß immer gleich – alles neu macht der Mai; warum seien Schwierigkeiten nicht dazu da, gemeinsam bewältigt zu werden, sondern dazu über Bord gekippt zu werden, nur, damit sie in der nächsten Beziehung wieder auftauchen.“

Als Kulturarchäologisches Werk und Berlin-Chronik werden Geschichten erzählt von Clubs und Kulturprojekten, deren Namen man fast schon vergessen hat. Beim Lesen fallen Dir wieder die vielen sinnlosen aber mitunter sehr spaßigen Stunden ein, die Du in der Praxis Dr. McCoy, im U-Club und in der Hirschbar verbracht hast. Die Galerie/Bar berlintokyo, deren Name auch einem anderen Platz machen wird, hat ebenfalls ihre Gedenktafel bekommen. Die Leidensgeschichte des Kulturhauses Tacheles findet sich genauso wieder wie neuere Projekte, etwa der Netzkulturdiskussionszirkel des Mikro e.V. und der anti-virtuelle Sender von convex tv, der regelmäßig parallell auf mehreren Kanälen erstklassiges Radio macht. Das kann Anstöße geben, es kann aber vielleicht auch helfen, bei eigenen Unternehmungen Fehler zu vermeiden. Damit in Zukunft solche Konzepte wie ‚Fundraising mit Blumenzwiebeln‘ auch mal funktionieren (Chance 2000 hat da leider eine erstklassige Chance verpaßt).

Es ist schön, mal wieder ein solches Buch zu lesen, sauber recherchiert von einer die weiß wovon sie redet, vollkommen frei von idiotischen Verherrlichungen pseudolibertärer Drogenexzesse, Massenraves und nicht mehr funktionierender Kulturkonzepte, was in anderen Hauptstadtbestsellern leider inflationär betrieben wird. Wünschenswert wären aktualisierte Zweit- und Drittauflagen von ‚Metroloops‘ mit noch umfangreicheren Querverweisen und kleinen beigelegten, gefalteten U-Bahnfahrplänen.

Claudia Wahjudi
Metroloops
Berliner Kulturentwürfe
Ullstein Metropolis
DM 22,- / ISBN 3-548-31218-7