Ein einzigartiges Labor

Von Seda Niğbolu und Ulf Schleth

Berlin Atonal: David Borden mit einem Mitglied des Mother Mallard Ensemble.

Weniger laut aber auch sehr schön: David Borden mit einem Mitglied des Mother Mallard Ensemble. Foto: Ulf Schleth

Experimentelle Musik gibt es viel in Berlin, aber kein zweites Festival wie »Berlin Atonal«. Am Sonntag endete im Kraftwerk die dritte Ausgabe seit der Wiederbelebung 2013. Mit Haut und Haaren hat sich diese Reihe den (musik-)ästhetischen Entwicklungen im postindustriellen Zeitalter verschrieben. Das galt schon in der avangardistischen Phase »nonkonformer Musik« in den 80ern, in der Bands wie Einstürzende Neubauten oder Malaria! für Aufruhr sorgten. Und auch für die nachfolgenden Jahre im Tresor des Festival-Gründungsvaters Dimitri Hegemann, der bis heute Chef ist.

Die lange Tradition war in mächtigen Klanggebilden gegenwärtig. Noise, Industrial, Dark Ambient und experimenteller Techno standen auf dem Programm, schrille Synths und vibrierende Bässe von Lustmord oder Clock DVA, Russell Haswell oder Bitstream. Neben Konzerten und DJ-Sets gab es Filmvorführungen und Installationen. Die überragende Rolle aber spielte an den fünf Tagen das ehemalige Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße, das heute auch die Clubs Ohm und Tresor beherbergt – schon von den Dimensionen her einer der beeindruckendsten Veranstaltungsorte der Stadt.

Die imposanten Räume schafften einigermaßen Abhilfe, was die mangelnde Durchschlagskraft von Livepräsentationen Laptop-basierter Musik angeht. Überall konnte man den Sound atmen und spüren. Viele Konzerte waren von visuellen Shows begleitet, und nicht wenige – wie »Immediate Horizon« von Alessandro Cortini und Lawrence English – Premieren. Manche Visuals starrte man allerdings nur an, weil man keine Wahl hatte. Weil sie zehn Meter hoch waren, sich bewegten und deshalb präsenter als die Performer waren. Mitunter fragte man sich schon, ob das Glotzen auf einen riesigen Bildschirmschoner nicht doch unangemessen ablenkt. Gleichwohl hätte man schon gern erfahren, von wem die Filme stammten. Leider ließen sich viele Namen mitwirkender Künstler weder auf der Website noch im Programmheft finden.

Aufgrund von glasklaren musikalischen Richtlinien reihten sich an manchen Tagen sehr ähnliche Konzerte aneinander. Da kam es schon mal zu eintönigen Stunden, alles verschluckenden Bässen oder taub machenden Drones, alles ewig tief, alles ewig dunkel. Für bitter nötige Abwechslung sorgten Musiker, die die Bühne auch körperlich meisterten. Das waren etwa Faust mit Tony Conrad oder Urgestein David Borden mit seinem Mother Mallard Ensemble, der seine Historienmalerei der Synth-Musik mit Elementen der Gegenwart zu einem Klangabenteuer verwoben hat, einem akustischen Film vor dem inneren Auge des Besuchers.

Die Klänge angemessen differenziert wahrzunehmen, war nicht immer ganz einfach im absorbierenden, vernebelten Raum des Kraftwerks. Manchmal verstärkten Hall und Echo das Problem noch. Feinheiten wurden nivelliert, Details in Stücken von Ben Frost oder Alessandro Cortini entfielen. Bei vereinnahmend aggressiven Sounds wie denen von Samuel Kerridge spielte das nicht so die Rolle, solche Musik lebt vom Bombastischen. Wenn ein Musiker aber komplex und mit weniger Lautstärke daherkam, bereitete das Zuhören Schwierigkeiten. Und dann wurde auch noch so lautstark diskutiert, als wäre man bei einer Galerieeröffnung und nicht auf einem Konzert.

Auch in solchen Momenten war das »Atonal« letztlich eher eine große Klanginstallation als eine Aneinanderreihung einzelner Auftritte. Ein einzigartiges Labor, das man je nach Laune betrat und wieder verließ, um sich über die Lage der zeitgenössischen elektronischen Musik zu informieren, Hörgewohnheiten zu hinterfragen, sich inspirieren zu lassen. Ein konzentrierter Erlebnisraum, in dem Entwicklungen der Stadt und eines gewissen Teils der internationalen Musikkultur reflektiert wurden. Für ein Festival ist das sehr viel. Die Tage waren intensiv, manchmal atemberaubend schön, manchmal vom ungeduldigen Warten auf die Zukunft geprägt und, wie eines der wenigen Kinder im Publikum anmerkte, »ganz schön laut«.

Dieser Text erschien am 26.08.2015 in der “jungen Welt”.

An die Geräusche!

Von Seda Niğbolu und Ulf Schleth

Virtuosität ohne Action: Der global arbeitende Videokünstler Lillevan bei seinem gemeinsamen Auftritt mit dem Musiker Fennesz

Virtuosität ohne Action: Der global arbeitende Videokünstler Lillevan bei seinem gemeinsamen Auftritt mit dem Musiker Fennesz. Foto: Ulf Schleth

Letzte Woche fand in Berlin zum dritten Mal nach einjähriger Pause das Festival A L’ARME! statt, das sich selbst als “International Jazz & Soundart Meeting” bezeichnet, dabei aber auch eine Menge fürs Auge zu bieten hatte. An vier Tagen waren internationale Musiker mit Jazz-Experimenten, elektroakustischer Klangkunst, audiovisuellen Performances und zeitgenössischer Choreographie zu genießen. Unter der künstlerischen Leitung von Louis Rastig hatte jeder Abend für sich eine sehr gut konzipierte Einheit. Mal voller poetischer Schönheit, mal gefüllt mit herausfordernden Improvisationen.

Zum “Grand Opening” in Berghain entlockte Mette Rasmussen ihrem Altsaxophon eine Vielzahl von Geräuschen: Flattern, Zirpen, Pfeifen, clowneske Hüpfgeräusche. Sie benutzte Plastikwasserflaschen, Pappbecher und Trommelfelle als Dämpfer und schuf so neue Resonanzen. Sie machte aus ihrem Instrument einen Klangzirkus und schaffte es trotz aller Vergnüglichkeit und Akrobatik eine nachdenkliche kleine Geschichte zu erzählen. Später am Abend begegneten sich erstmalig zwei amerikanische Größen. Die aus den Tiefen der Erde dröhnenden Alt-Sax-Sirenen von Colin Stetson verschwammen mit E-Bass Rythmen von Bill Laswell. Die viel zu laut aufgedrehten Boxentürme und die direkt auf die Augen der Besucher gerichteten Lichtorgeln im Berghain beeinträchtigten das musikalische Erlebnis ein wenig, auch wenn sie das kontrollierte Chaos des Jazz-Metal Trios Zu gut zur Geltung brachten.

Mit luftigen Räumen am Wasser, unaufdringlichem Charakter und Sitzgelegenheiten war das Radialsystem V sehr gut geeignet für den Rest des Festivals, das viel Konzentration bedurfte. Es war schön, dort die 4 Frauen der dänischen Gruppe Selvhenter zu erleben. Die krachigeren Jazzformationen sind sonst immer noch zu stark männlich geprägt. Ganz ohne Gitarren integrieren Selvhenter Einflüsse wie Noise, Punk oder Metal in ihren Sound. Es ist erfreulich, dass es in der jüngeren Generation der experimentellen Musik immer mehr Frauen gibt, anders als in den früheren Jahren der Feministin Irène Schweizer, die live zu erleben war. A L’ARME! ist gelungen, die Vielfalt der zeitgenössischen Klangexperimente zu reflektieren. Doch der Anspruch einer spielerischen Interdisziplinäritat, der A L’Arme ausmacht, wurde am besten durch die Tanzperformanzen im Programm präsentiert.

Das Tanzstück Marzo (italienisch für März) der italienischen Tanzcompagnie “Dewey Dell” spielte mit den Gefühlen und Sinnen der Zuschauer. Im Innern eines Kraters erleben sich in Konvulsionen bewegende mikrobenhafte Wesen aus der Zukunft den kriegerischen Monat März: There exists an ambiguous and disorientating force that, in the most absolute way, contains within itself the spectrum of human emotion.” Ein verwirrendes, sehr überzeugendes Stück. Die Schauspieler steckten in den poppigen Sci-Fi Kostümen von Yuichi Yokoyama, die eine Symbiose aus Power Rangers, Marshmallow Man und Takeshi’s Castle sein könnten. In der vereinnahmenden Klangkunst von Demetrio Castellucci trafen sich die Mikroben aus einer anderen Zeit mit den Zuschauern der Gegenwart.

Nach der futuristisch-filmischen Darbietung von „Marzo“ wurde es mit exFolia emotional direkter und roher. Ein schlammverschmiertes, in Zeitungfetzen gewickeltes weibliches Urwesen erinnerte gleichzeitig an die Überforderung und die Vitalität des Daseins. Die Spannnung zwischen der Musik auf der Bühne, vor allem Andy Moor’s (von The Ex) verzerrte Gitarren und der nackten Existenz der Tänzerin Marcela Giesche war ein kräftiger Ausdruck der Körperlichkeit beider Disziplinen, die miteineinander verschmolzen. Als Moor, Ken Vandermark und Paal Nilssen-Love dann mit der äthiopischen Gruppe Fendika, begleitet vom vehementen Tanz deren Performer improvisierten, kamen Symbolik und Rituale unterschiedlicher Welten zusammen. Ohne Exotisierung, natürlich und explosiv. Damit erreichte das Festival zum Finale den Höhepunkt der Freiheit, der endlich auch den Tanzwillen des Publikums entfesselte.

Die Bestrebung des Festivals, die Disziplinen zu verschmelzen ist eine sehr Wichtige, die aber immer noch von einem relativ kleinen offenen Publikum geschätzt wird. Für ein Grossteil der Liebhaber experimenteller Musik ist “Jazz” wegen der Vorurteile gegenüber “Elitärem” und “Klassischen” immer noch ein unentdecktes Land. Umgekehrt ist es auch nicht besser. Viele haben die pastorale Elegie von Fennesz und Lillevan’s Mahler-Remixen zu früh verlassen. Sie haben entweder nur “Lärm” wahrgenommen, oder hatten ein anderes Verständnis von Virtuosität, bei der auf der Bühne mehr “passieren” muss. Die hohen Preise machen den Zugang für Nicht-Kenner nicht einfacher. Natürlich gibt man sein Geld (circa 30 euro am Tag) lieber für Bewährtes wie das Drone Ritual von Sunn O))) aus, als ein Risiko einzugehen und sein Geld für die Programmpunkte auszugeben, die Zukunftsforschung betreiben. Es ist zu hoffen, dass A L’ARME! in den kommenden Jahren mehr Förderung erhält, um noch mehr Leute anziehen zu können, die Freude an musikalischer Entdeckung und Innovation haben.

Dieser Text erschien in der “jungen Welt”.

Sieben Tage Istanbul

von Ulf Schleth

Ein Wahllokal in einer Istanbuler Grundschule. Auch hier darf Atatürk nicht fehlen.

Ein Wahllokal in einer Istanbuler Grundschule. Auch hier darf Atatürk nicht fehlen.

1. Juni 2015. Zufällig deckt sich der zweite Jahrestag der Gezi-Proteste mit einer Hochzeitseinladung. Der erste Flug nach Istanbul. Schon bei der Landung zeigt sich die immense Größe der Stadt, die mit über 14 Millionen Einwohnern fast ein Fünftel der türkischen Bevölkerung beherbergt und immer weiter wächst, genau wie ihre Bedeutung für das politische Leben der Türkei. Die Fahrt zur Unterkunft in Kadıköy, dem Kreuzberg Istanbuls, zeigt die ganze Schönheit der Stadt am Bosporus, aber auch das starke soziale Gefälle. Ehrgeizige Neubauprojekte; bombastische Bürotürme, riesige Shopping-Malls und „Residenzen“ ragen in den Himmel, grosse Wohnanlagen, bei denen vom Supermarkt bis zum Fitnessstudio alles eingebaut ist, außer einem Krematorium. Der Bauwahn gentrifiziert und zerstört Kommunen, was einer der Auslöser für Gezi war.

2. Juni. Nach dem Aufstehen wird zuerst die Warnung davor ausgesprochen, das Wasser aus der Leitung zu trinken. Es riecht nach Schwimmbad. Nach Chlor. Statt Kläranlagen zu bauen, werden die Bakterien so in Schach gehalten. Der Papiermüll von gestern muß weg. Fehlt nur der Papierkorb. Mülltrennung ist Ausnahme. Draußen fällt ins Auge, daß Leute Personenwaagen am Gehweg aufstellen und ihre Dienste anbieten. Eine schöne Idee. Wenigstens für jene, die wissen wollen, wieviel sie wiegen.

3. Juni. Das türkische CNN hat Humor. Es läuft ein Interview mit einem angesehenen türkischen Veterinär, der den zahlreichen Straßenkatzen der Stadt empfiehlt, Transformatoren fernzubleiben. Seit der Kommunalwahl 2014 ein running Gag. Damals wurde ein landesweiter Stromausfall von Regierungsseite damit erklärt, daß eine Katze in den ‪‎Trafo eines Kraftwerks geraten sei.

4. Juni. Endlich ist es soweit. Braut, Bräutigam und ihre Eltern haben keine Kosten und Mühen gescheut, die Hochzeit zu einem einmaligen Erlebnis werden zu lassen. Das Glück in ihren Gesichtern zeigt, daß das gelungen ist. Von der Bootstour zu Beginn bis zur Afterparty im “Anjelique”. Während das Brautpaar dank eines Sonderdeals seine eigenen Getränke mitbringen darf und weniger zahlt, stehen die Kinder der oberen Hunderttausend Istanbuls auf der Terrasse der Edeldisco, um sehen und gesehen zu werden. Niemand tanzt; trotz „world-famous DJ’s“. Als wir damit anfangen, gucken die anderen Gäste pikiert. Sie haben große silberne Pokale, gefüllt mit Eis und mehreren Flaschen bestellt. Eine Flasche Gin kostet umgerechnet 200 Euro. Beim Feiern sehen sie auf das malerische Marmarameer in dem man nicht schwimmen kann, weil Istanbul noch immer seinen Hausmüll darin versenkt.

5. Juni. Besorgnis zeigt sich auf den Gesichtern der türkischen Gastgeber. Bei Explosionen in der Stadt Diyarbakır sterben während einer Kundgebung der Demokratischen Partei der Völker (HDP) zwei Menschen, zahlreiche werden verletzt. Wird noch mehr passieren? Wer ist verantwortlich? Staatspräsident Erdoğan vielleicht? Kurz zuvor hatte er behauptet, alle hätten sich verschworen, um die HDP zu stützen: nicht nur die Opposition, sondern auch pro-armenische Kräfte und die Homosexuellen. Katzenwitze kommen diesmal erst später und nur von den Leuten mit so richtig tiefschwarzem Humor und denen, die auf diese Weise schlimme Erlebnisse verarbeiten.

Später am Abend Gespräche mit Freunden in einem Meyhane in Kadıköy, bei Rakı und leckeren Meze. Einige haben kemalistische Eltern, die hart gearbeitet haben, damit sie es einmal besser haben. Sie haben ihre Abschlüsse an europäischen Schulen in Istanbul und Universitäten in Europa gemacht. Sie waren bei Gezi dabei und sind sich einig – sie werden HDP wählen. Die HDP ist nicht nur prokurdisch, sie ist auch auf Seiten anderer Minderheiten; Mitglieder Ihres Vorstandes sind Vertreter der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). Alle sagen, daß es eine Änderung geben kann. Nicht wenige haben sich freiwillig als Wahlhelfer verdingt. Man will die Kontrolle nicht den AKP-Anhängern überlassen.

6. Juni. Bei einem ausgedehnten Spaziergang am Wasser entlang fallen schöne historische Gebäude ins Auge, die jedoch sämtlich in privater Hand sind. “Die Schönheit Istanbuls” sagt eine ganz besondere Freundin, “ist nicht zum Anfassen”. Wir laufen weiter bis in den islamisch-konservativen Stadtteil Fatih. Eine aus unserer Gruppe wird von einem Jugendlichen begrapscht. Es wird dunkel. Wir entfernen uns zügig. Wir wissen nicht, wieviele seiner Freunde in der Nähe sind und wollen kein Risiko eingehen. Alles in allem war dies noch ein harmloses Zeichen religiöser Doppelmoral.

7. Juni. Gegessen und auf das Wahlergebnis gewartet wird wieder in einem Meyhane. Alkohol ist am Wahltag verboten. Im zweiten Stock abseits der Fenster und abseits der Blicke des Ordnungsamtes dürfen wir dann doch etwas trinken. Dafür schmeckt das Essen nicht. Die AKP verliert ihre absolute Mehrheit. Die Freude ist groß, aber gelassen. Es gibt noch viel zu tun. Das weiß auch Ayşenur. Sie glaubt, es wird eine Koalition gefunden werden, die für mindestens zwei Jahre halten wird. Wenn es aber nicht innerhalb eines Jahres zu strukturellen Reformen kommt, wird es frühe Neuwahlen geben, glaubt sie. Für das Selbstbewußtsein waren die Wahlen jedenfalls hilfreich. Endlich hat die Übermacht der AKP Kratzer bekommen und Erdoğans befürchtete Präsidialdiktatur ist vom Tisch. Zumindest vorerst.

“Now we see that life can be actually fair…” hat Ayşenur gesagt. Daran denke ich noch auf dem Rückflug nach Berlin.

Dieser Text erschien am 13.06.2015 in gekürzter Version in der jungen Welt.

Mehr Interesse an Privatsphäre

von Ulf Schleth

Dass das soziale Netzwerk Diaspora keineswegs tot ist wie viele glauben, sondern im Gegenteil sehr vital, dürfte mittlerweile klar sein. Die Liste der Diaspora-Server, „Pods” genannt, wird beständig länger und wie lebendig an dem Netzwerk gearbeitet wird, lässt sich jetzt begutachten.

Gerade ist die Diaspora-Software in der neuen Version 0.5 erschienen. Sie bringt Fehlerkorrekturen, Verbesserungen für Privatsphäre und Layout mit sich und enthält eine Chat-Funktion, die jedoch bei vielen Servern noch ausgeschaltet bleibt, bis sie gründlich erprobt ist und fehlerfrei läuft. Auch die Mobilversion der Seiten und die „Föderation“, wie man die verschlüsselte Kommunikation der Diaspora-Pods untereinander nennt, wurden verbessert. Eine Kalender- bzw. Veranstaltungsfunktion steht bereits auf der Todo-Liste der Entwickler, ihre Umsetzung steht aber noch in den Sternen.

Die Funktion, Diaspora-Posts automatisch auch auf Facebook zu posten, fehlt jetzt. Aber nicht, weil die Entwickler sie rausgeworfen hätten. Sie wurde auf dem größten deutschen Pod Geraspora abgeschaltet, weil Facebook eine Email an dessen Betreiber Dennis Schubert geschrieben hat, in der man einen Weiterbetrieb der Schnittstelle an Bedingungen geknüpft hat wie z.B. daran, daß auf der Diaspora-Seite ein Button für das Facebook-Login zu finden sei. Die Entscheidung, die Verbindung zu Facebook zu kappen, wurde in Kommentaren von vielen Nutzern wohlwollend bewertet.

Es gibt viel Kritik an den großen sozialen Netzwerken wie Facebook und Google Plus. Katastrophaler Datenschutz und allgemeine Geschäftsbedingungen, die den Konzernen Rechte an den Daten der Nutzer übertragen schüren den Unmut von Nutzern. Im November 2014 wurden die Änderungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook angekündigt, die dem Konzern noch mehr Rechte einräumen sollten.

Diaspora
Diaspora wurde 2010 von vier Stundenten gegründet. Erst seit diese ihr soziales Netzwerk 2012 in ein Open-Source-Projekt umgewandelt haben, nahm es an Fahrt auf, obwohl es gleichzeitig vom Radar des öffentlichen Interesses verschwand.Auf Datenschutz und das menschliche Grundrecht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung wird in Diaspora viel Wert gelegt. Die Daten der Benutzer werden dezentral gespeichert und wer will und kann, ist in der Lage, sich einen eigenen Netzwerkknoten zu installieren, so daß gewährleistet ist, daß die privaten Daten auf der eigenen Festplatte liegen. Wem das technische Knowhow oder die Lust dazu fehlt, kann einen Server des Vertrauens auswählen.

Das was folgte, nannte man auf Diaspora, dem bekanntesten der unabhängigen Facebook-Konkurrenten, „die Welle”. Bis zur letztendlichen Umsetzung der AGB am 30. Januar 2015 stieg die aktive Benutzerzahl sämtlicher Diaspora-Pods von 22.477 auf 34.667 an. Von diesen Neuankömmlingen haben sich die meisten nur einmal umgesehen und sich, vermutlich weil ihre Freunde nicht gleich mitgezogen sind, sofort wieder verabschiedet. Geblieben sind nach Aussage von Dennis Schubert allein auf Geraspora ca. 1000 der neuen Nutzer.

Echte Alternativen sind Open Source

Dazu, eine wirkliche Alternative zu Facebook zu sein, gehört mehr, als nur einen Server zur Verfügung stellen und Werbefreiheit zu versprechen. Die kleineren sozialen Netzwerke wie Diaspora, GNU social und Friendica verbindet, daß ihre Sofware quelloffen, also „Open Source” ist und alle etwas zur Verbesserung ihres Netzwerkes beitragen können, solange sie programmieren können. Ihre Netzwerke gehören allen und niemandem zugleich, statt einem Konzern der darauf angewiesen ist, Geld mit seinen Benutzern zu verdienen.

Wie kommt es aber dazu, dass viele der unzufriedenen Facebook-Benutzer am Ende doch auf dem Netzwerk bleiben? Weil Diaspora nicht alle der Facebook-Funktionen anbietet? Kaum vorstellbar, daß es Menschen gibt, die wegen ein paar Funktionen auf ihr Privatsphäre verzichten.

Wahrscheinlicher ist es, daß das mit dem Totschlagargument der sozialen Netzwerke zu tun hat: Wenn die eigenen Freunde oder Follower nicht gleich mit ziehen, fühlt man sich allein und verlassen. Es geht in sozialen Netzwerken schließlich nicht nur um intellektuellen Austausch, sondern in erster Linie um Bequemlichkeit, ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung und den damit verbundenen sozialen Zwang, den Herdentrieb. Nur wenige trauen sich, ihr digitales Rudel zu verlassen.

Dennis Schubert, Mitglied des Kernentwicklerteams sieht das entspannt: „Uns geht es nicht darum, eine Alternative zu Facebook sein.” Und das ist auch nicht nötig. Diaspora ist anders als Facebook. Es bildet nicht alle Facebook-Funktionen nach. Die Stimmung auf Diaspora wird als plauschiger, die Debatten in der Regel gehaltvoller als auf Facebook wahrgenommen und Neuankömmlinge, die sich an die Eigenheiten von Diaspora gewöhnt haben, finden schnell neue Freunde durch das abonnieren von Hashtags wie #cartoon, #vegan oder auch #polizeigewalt, je nach Interessenlage. Auch die taz betreibt ein experimentelles Profil.

Dieser Artikel erschien am 22.05.2015 auf taz.de.

„Tränengas olé!“

von Ulf Schleth

Deniz Yücel "Taksim ist überall" - Cover

Der islamische Staat steht vor seiner Haustür und Recep Tayyip Erdoğan, dem Präsidenten der Türkei, fällt nichts besseres ein, als unter Berufung auf eine sehr eigenwillige Interpretation von Kolumbus‘ Tagebüchern zu verkünden, daß muslimische Seefahrer Amerika schon vorher entdeckt hätten. Nicht, daß das jemanden wundern würde; die Weltöffentlichkeit ist solche Späße von Erdoğan gewohnt. Ist er ein Dadaist mit ausgeprägter Profilneurose, oder er will ablenken? Und wen könnte er ablenken wollen? Die Weltöffentlichkeit? Seine eigenen Anhänger?

Daß es in der Türkei viele Menschen gibt, die ihn ganz und gar nicht spaßig finden, wissen wir spätestens seit Mai 2013. Es begann mit Protesten gegen ein Bauprojekt auf dem Gelände des an den Istanbuler Taksim-Platz angrenzenden Gezi-Park. Der zivile Widerstand wuchs sich zu einer Bewegung gegen die türkische Regierung, ihre Polizeigewalt und Korruption aus. Realitätsfern wie üblich mutmaßte Erdoğan hinter alledem eine große Verschwörung von Zionisten, der USA, dem Internet und einfach allem. Kein Grund zu verzweifeln. Deniz Yücel, 1973 als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geborener taz – Redakteur, hat aufgeschrieben wie es wirklich war.

„Taksim ist überall“ ist im März diesen Jahres erschienen und hat durch die neueren Entwicklungen noch an Relevanz gewonnen. Yücel führt in die türkische Geschichte ein, wobei er auch den Völkermord an den Armeniern nicht ausläßt und widmet wichtigen politischen Schauplätzen jeweils ein Kapitel. Er spricht mit Kurden in Tarlabaşı, mit Schauspielern in Cihangir, mit Fußballfans in Beşiktaş, mit anarchistischen Muslimen in Fatih, mit einer Familie in Antakya, mit der türkischen Hackergruppe RedHack, mit Homosexuellen und Geschäftsleuten. Er hat mit etwa hundert Menschen gesprochen. Quer durch die sozialen Schichten der modernen Türkei. Er verleiht damit dem Protest ein Gesicht. Erst die Gezi-Bewegung hat vielen Westeuropäern klar gemacht, was die Türkei ist und worum es dort geht.

Die Türkei hat eine Schlüsselposition als Verbindung zwischen der asiatischen, westlichen und arabischen Welt inne. Ein großer Teil ihrer Bevölkerung wehrt sich gegen eine Regierung, die sich selbst bereichert, die Schritt für Schritt die Errungenschaften der Säkularisierung über Bord wirft und in die Privatsphäre ihrer Bürger hineinregiert. Deshalb war Gezi so wichtig: Die türkische Bevölkerung trat auf breiter Front ins Licht der internationalen Öffentlichkeit um zu zeigen, daß sie ihre Freiheit gern behalten würde, anders als ihr geistig umnachteter Präsident mit seinen neo-osmanischen Anwandlungen es gern hätte. Der machte schon 1998, in seiner Zeit als Istanbuler Oberbürgermeister klar, wo er hin will: „Die Demokratie ist nur ein Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

„Taksim ist überall“ ist ein sozialpolitscher Reiseführer durch die türkische Psycho- und Topologie. Die Lektüre hilft dem Leser, zu verstehen oder wenigstens zu erahnen. Wie es zum absoluten Wahlsieg von Erdoğan und seiner AKP kommen konnte, die jetzt über 48% Andersdenkender herrschen, warum Istanbul so wichtig für die Türkei ist und daß Personenkult Tradition hat in der türkischen Politik. Aber auch wie facettenreich die politische Kultur in der Türkei ist. Sauber recherchiert werden Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaft erklärt, wie Korruption beide miteinander verbindet und wie in der Türkei (Selbst-)Zensur funktioniert. Und wie die neue Qualität zivilen Ungehorsams zustande kam, die die Gezi-Proteste mit viel Humor etablierten. Die Demonstranten riefen noch mit rotgeheulten Augen „Tränengas olé!“.

Vorwerfen könnte man Yücel allenfalls, daß er den Leser mit zu vielen Namen und Einzelschicksalen zu überfordern droht. Daß er noch mehr hätte erklären und auf das offensichtliche hinweisen können. Er verzichtet zugunsten der Authentizität. Eine Übersetzung ins Türkische wäre wünschenswert. Sie ist nach Aussage des Autoren nicht ausgeschlossen, könnte aber an dem Mißtrauen scheitern, das einige fragwürdige Publikationen zum Thema beim türkischen Publikum hervorgerufen haben.

Die Situation in der Türkei spitzt sich weiter zu: Am 24. November faßte Erdoğan auf einer Rede vor einem türkischen Frauenverband etwas in Worte, wovor sich viele türkische Frauen fürchten; daß die Gleichberechtigung wohl keine so gute Sache sei, denn Mann und Frau hätten nunmal unterschiedliche Körper und Eigenarten. Etwas, das Muammar al-Gaddafi in seinem „Grünen Buch“ ganz ähnlich formulierte. Währenddessen wirkt die Regierung in Ankara hilflos. Statt Gezi als eine Chance zum Wandel zu nehmen, regiert sie gegen den Willen fast der Hälfte ihrer Bürger und fliegt Luftangriffe auf Kurden, die gegen die IS Stellung bezogen haben. Die drohende Kulisse eines Bürgerkrieges wird immer realistischer.

Edition Nautilus, ISBN 978-3894017910, EUR 14,90

BESTELLEN

Dieser Text erschien am 5.12.2014 in redigierter Version in der „jungen Welt„.

Diaspora schlägt Ello

von Ulf Schleth

Was ist die schlauere Alternative zu facebook?

Was ist die schlauere Alternative zu facebook? Bild: geralt/pixaby

Ello ist in aller Munde. Scharenweise ziehen die User um. Das zeigt zumindest, dass eine große Unzufriedenheit mit dem größten aller sozialen Netzwerke besteht. Aber warum ausgerechnet zu Ello?

Ello sieht gut aus und die Nachricht über das neue soziale Netzwerk verbreitet sich viral. Das scheint vielen auszureichen, um es sich bei Ello häuslich einzurichten. Aber es werden jetzt schon die ersten kritischen Stimmen laut, vor allem wegen der mangelnden Funktionen zum Schutz der Privatsphäre.

Ello kommt ohne Anzeigen aus und das soll auch so bleiben. Aber wie lange geht das gut, bei einem unklaren Finanzierungskonzept? Wie wird Ello Firmen davon abhalten, sich Profile zuzulegen und die Benutzer mit Spam zu belästigen? Und letztendlich ändert sich nichts am Grundkonzept: Die Daten der Benutzer lagern zentral auf den Ello-Servern und sind damit der Willkür der Ello-Eigentümer ausgeliefert. Solche Bedenken lassen sich nicht durch Sätze wie dem beseitigen, den Ellos Co-Initiator Paul Budnitz von sich gegeben hat: „Wenn du ein Problem mit Ello hast, mußt du es nicht benutzen.“

Vielen unzufriedenen Facebook-Benutzern scheint Ello die einzige Alternative zu sein. Aber es gibt mehr davon. Die größte und bekannteste ist Diaspora. Ein Projekt, das allgemein für gescheitert gehalten wird, weil es still darum geworden ist. Aber Diaspora ist alles andere als tot. Nach einigen Schwierigkeiten in der Entwicklung der Software und dem tragischen Selbstmord des Mitbegründers Ilja Zhitomirskiy im November 2011 beschloss das Entwicklerteam im August 2012, das gesamte Projekt an die Open-Source-Gemeinde zu übergeben. Damit begann das zweite Leben des Projektes.

Keine Realnamenpflicht

Das Bahnbrechende an Diaspora ist, dass der Benutzer selbst entscheiden kann, wo er seine Daten lagert. Er kann sich einen eigenen Server installieren. Wenn er nicht das nötige Know-How hat, oder sich schlicht nicht die Arbeit machen will, kann er sein Profil auf einem der zahlreichen öffentlichen Diaspora-Server, den sogenannten Pods anlegen; egal ob in Deutschland oder in Australien.

Datenschutz war von Anfang an einer der wichtigsten Gesichtspunkte in der Diaspora-Entwicklung. Wenn der Benutzer nicht explizit angibt, dass seine Daten öffentlich sein sollen, sind sie es auch nicht. Wenn er nicht gefunden werden möchte, wird er es nicht. Eine Realnamen-Pflicht gibt es hier nicht. Und vor allem ist zu allen Pods eine verschlüsselte Verbindung möglich.

In den vergangenen zwei Jahren hat die Entwicklergemeinde im stillen Kämmerlein gearbeitet. Nach Aussage des Presseteams sind das eine Handvoll Kernentwickler und 271 Programmierer, die sporadisch Code zu einzelnen Modulen und Funktionen geliefert haben. Sie haben weite Teile des chaotischen Programmcodes refakturiert, das heißt neu geschrieben. Neu ist der Code für das Benutzerinterface, für die Funktionen gegen Spam und Missbrauch, für die Verwendung mit Mobilgeräten, die Benachrichtigungen, Umfragen und viele weitere Bereiche.

New York Times und Fefe

Diaspora verfügt derzeit über 54.000 aktive Benutzer (von über einer Millionen registrierten), Tendenz steigend. Allein den größten deutschen Pod Geraspora verwenden 8.400 aktive Benutzer. Darunter sind viele Nerds und Künstler, aber auch größere Medienunternehmen, wie die New York Times und private Netzprominenz wie Fefes Blog. Natürlich sollte man hier nicht zuviel erwarten. Die Anzahl der Angebote richtet sich wie überall nach der der Nutzer. Für Leute, die nicht mehr durch ihre Facebook-Timeline durchblicken, genau das Richtige.

Dabei funktioniert Diaspora wie eine Mischung aus Facebook und Twitter. Die Implementierung von Hash-Tags ähnelt Twitter sehr. Das Finden von Bekannten funktioniert, wenn sie ihren Account nicht auf demselben Pod haben, manchmal nur mit Verzögerung. Hier werden die Entwickler sicher nacharbeiten.

Diaspora funktioniert schon jetzt wesentlich besser als Ello und hat eine Datenstruktur, die dem Benutzer erlaubt, selbst über seine Informationen zu verfügen. Natürlich ist Diaspora nach wie vor in der Entwicklung. Aber je mehr Benutzer Diaspora hat, desto mehr Entwickler gibt es und umso mehr kann auf die Wünsche der Benutzer eingegangen werden – und das ist das schöne an Open Source.

Dieser Artikel erschien am 12.10.2014 auf taz.de.

„Kinky sein ist meine Religion“

von Ulf Schleth

This extensively shortened version of the Interview has been published in the taz.die tageszeitung. The article is available in German only. You’ll find the original, edited, but raw interview as audio in english below this article.


Rain DeGreyIm Interview: Rain DeGrey

Zur Person: Rain DeGrey lebt in San Francisco und arbeitet seit gut sieben Jahren in der Sexbranche. Sie bloggt auf „Dirty Words“.

Zur Arbeit: Für kink.com, den größten und bekanntesten Anbieter für BDSM-Pornografie, hat sie auch Workshops geleitet. Seit acht Monaten modelt sie kaum noch und arbeitet nun bei der traditionsreichen Firma Intersec Interactive als Talentdisponentin.



taz: Frau DeGrey, Sie sagen von sich selbst, Sie seien kinky, also jemand, der unkonventionelle Neigungen hat. Seit wann wissen Sie das?

Rain DeGrey: Ich war schon im Alter von acht Jahren kinky. Damals fand mich meine Mutter, als ich mir einen Kissenbezug über den Kopf stülpte. Ich sagte: „Ich ziehe ihn mir über den Kopf und stelle mir vor, dass mich der böse Mann entführt.“ Du wirst kinky geboren, genau, wie du homosexuell geboren wirst. Ich hatte lange große Angst davor, von der Gesellschaft verurteilt zu werden, ich habe meine Neigung verleugnet. Eines Tages war ich es leid, nicht wirklich ich selbst zu sein.

Und dann?

Ich ging ins Internet und fand bei Myspace ein paar Bondage-Profile. Daraufhin schrieb ich einem dieser Typen eine Nachricht. Ich mochte die Art, wie er fesselt. Es stellte sich heraus, dass er Lew Rubens heißt und für kink.com arbeitete. Kurz danach hatte ich mein erstes Shooting. Das war eher ein Unfall. Ich wollte nie Model sein. Ich war aber kinky. Das war mein Lebensstil. Und plötzlich hatte ich den besten Job der Welt.

Sie haben viele verschiedene Jobs.

Derzeit arbeite ich in etwa so 50 Stunden pro Woche unter anderem als Talentdisponentin, Chauffeurin, Garderobiere, Fotografin, Regisseurin und persönliche Assistentin für Intersec Interactive. Wir haben jetzt sechs Websites und drehen fünf bis sechs Tage pro Woche.

Was sind die negativen Seiten Ihrer Arbeit?

Ich nehme das nicht als Arbeit wahr. Es ist immer Spaß. Stellen Sie sich das vor: Sie wollen eine Gangbang-Fantasie ausleben. Wie wollen Sie fünf Männer anrufen, die alle am gleichen Abend Zeit haben, keine Geschlechtskrankheiten haben, gut in Form sind und deren Schwänze im richtigen Moment funktionieren? Das ist quasi unmöglich. In meinem Job geht das.

Sie haben am Set nie mit einem unangenehmen Mann gearbeitet?

Ich habe sechs Jahre gemodelt und war an Hunderten Drehs beteiligt. Davon waren gerade mal 12 oder 13 Männer beteiligt, und bei den meisten davon war mein Freund auch mein Partner am Set. Ich mache also nicht wirklich Porno. Ich mag es nicht, dass Leute denken: „Das ist bloß ein Porno-Girl“, nur weil sie mich in der Nähe eines Penis gesehen haben.

Warum stört Sie das?

Die Freunde von mir, die nach Los Angeles gegangen sind und angefangen haben, Pornos zu drehen, sterben innerlich. Ich bin Fetischmodel. Es ist etwas Reines und Ehrliches am Fetischismus. Wenn du dich aufs Ficken beschränkst, verliert es etwas von der Reinheit.

Sehen das Ihre Nicht-kinky-Freunde auch so?

Ich habe keine. Kinky sein ist meine Berufung, meine Religion. Kink ist wie eine Blase. Alles, was ich machen möchte, befindet sich in dieser Blase. Ich hänge mit Leuten darin ab und arbeite mit ihnen. Ich will diese Blase nicht verlassen. Denn sobald ich das tue, verurteilen mich die Leute. Sie sind unhöflich, gemein und sehen auf mich herab. Und das hasse ich. Die Leute sind Arschlöcher.

Mit diesen Leuten streiten Sie sich dann auch oft auf Twitter.

Ja, das mache ich vor allem mit Männern, die mir Schwanzbilder schicken. Die denken, dass eine Frau nur einen Schwanz sehen muss, um den Verstand zu verlieren. Ein Schwanz ist nichts Magisches. Man kann mit einem Schwanz keine Frauen hypnotisieren. Ich antworte diesen Männern, denn wenn ich auch nur einen ein bisschen weniger dumm machen kann, gibt mir das Hoffnung für die Welt. Denn wenn nur ein Mann sich darüber klar werden kann, wie unangemessen und grob das ist, macht er das vielleicht mit der nächsten Frau nicht mehr.

Das ist ein sehr pädagogischer Ansatz.

Ich bin eine Erzieherin. Es ist nicht Bestandteil meines Jobs, Idioten zu tolerieren. Ab und zu schreiben mir auch Leute, die meine Seele retten wollen. Die denken, dass ich mich quälen lasse, weil ich das Geld brauche und missbraucht werde. Nein, ich toleriere niemanden, der meine Grenzen überschreitet. Es gibt Männer, die meine Shootings kaufen, weil sie sehen wollen, wie Frauen verletzt werden. Das ist aber nicht meine Arbeit.

Sie leiten auch einige Sexworkshops.

Ich habe eine Klasse für anale Spiele unterrichtet, eine Bondage-Klasse, eine Klasse für weibliche Dominanz, eine Oralsex-Klasse für Männer und Frauen, eine Klasse im Umgang mit Umschnalldildos. Aber ich glaube, meine größte Leistung ist in diesem Zusammenhang, dass ich mein Leben auf eine solche Weise lebe, ohne Angst und Scham. Ich hoffe sehr, dass ich Leute, denen es ähnlich geht wie mir in meiner Vergangenheit, die kinky sind, das aber verstecken und fürchten, dazu inspiriere, dasselbe zu tun. Es gibt generell ein großes Bedürfnis nach sexueller Ausbildung. Dieser Körper, den du hast, ist das beste Spielzeug, das du je haben wirst. Er ist ein Musikinstrument. Die Leute haben Angst, mit ihrem Körper zu spielen. Wenn du aber richtig mit ihm spielst, lässt er dich Gott sehen. Die Leute wissen nichts über ihren Körper. Es überrascht mich, wie wenig selbst Models über ihren Körper wissen. Es gibt leider auch kein Lehrbuch für Models. Ich sollte es schreiben.

Für viele radikale Feministinnen alter Schule schürt insbesondere der BDSM-Porno den Frauenhass der Konsumenten.

Feministinnen sind fucking Bullshit. Es ist wahnsinnig anmaßend, wenn du mir als Frau sagst, was ich mit meinem Körper tun darf und was nicht. Ich glaube nicht, dass ein normaler Mann, der Frauen nicht wehtun will, losgeht und Frauen schlägt, nur weil er einen Film gesehen hat, in dem jemand, der es mag, harten Sex hat und dabei geschlagen wird.

Wird der Porno denn tendenziell gewalttätiger?

Nein, er wird nur verfügbarer. In England gab es schon 1890 diese kleinen Bücher unterm Ladentisch, in denen Menschen beim Sex geschlagen wurden. Peitschen, Spanking, Züchtigung – sexuelle Neigung gab es schon damals. Es gab eben nur kein Internet. Die Menschen versuchen, zivilisierter zu werden. Wir versuchen so angestrengt, uns mit Politur einzuschmieren, um zu verbergen, dass wir Tiere sind. Porno macht uns nicht weniger zivilisiert. Er zeigt uns einen Blickwinkel darauf, wer wir sind, als Tiere.

Wenn wir alle nur Tiere sind, warum werden dann in Pornofilmen vor allem dominierte Frauen gezeigt und eben nicht auch dominierte Männer?

Es gibt eine gewisse Tendenz, dass Pornokonsumenten nun mal Männer sind. Allerdings haben Männer auch Angst vor Frauen. Frauen sind eine Bedrohung. Sie sitzen auf etwas sehr Wertvollem, wovon die Männer nicht loskommen. Könnten sie doch nur einen Weg finden, sich nur mit der Pussy zu beschäftigen, ohne die Frau drumherum. Alle lieben es, Frauen anzusehen, aber einen Mann … haarig und mit heraushängendem Schwanz … Wer will für so etwas bezahlen?

Es geht also um Ästhetik und nicht um Macht? Da würden Ihnen einige Feministinnen in Deutschland widersprechen, die neben dem Verbot der Pornografie auch das Verbot von Prostitution fordern.

Zweifellos gibt es sie, die arme Frau aus Russland, die ein Jobangebot annimmt und sich dann in einem anderen Land wiederfindet, wo sie dazu gezwungen wird, mit zehn verschiedenen Typen am Tag Sex zu haben. Aber das ist keine normale Sexarbeit. Viele Frauen entscheiden sich für Sexarbeit. Ich habe mir das ausgesucht. Ich liebe es. Natürlich bin ich keine Prostituierte. Aber Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt. Du kannst die menschliche Natur nicht verleugnen. Die Engländer sperren gerade pornografische Internetseiten, die Gesamtsituation scheint konservativer zu werden. Aber das wird nicht von Dauer sein. Sexarbeit ist aber ein Bedürfnis und wird bleiben.

Sie sind polyamor. Kann man eine tiefe Beziehung zu mehreren Menschen haben?

Polyamorösität steht für verbindliche, tiefe Beziehungen. Das Problem ist, dass uns im Kindesalter erzählt wurde, dass es genau einen Menschen da draußen gibt, mit dem wir emotional, mental, sexuell und spirituell kompatibel sind. Und dann gehst du raus und triffst diese eine Person. Sie erfüllt aber nur 80 Prozent deiner Bedürfnisse. Irgendwann habe ich gemerkt, dass niemand perfekt ist und angefangen, diese Tatsache zu respektieren. Aber wenn du sie alle zusammen nimmst – 40 Prozent hier, 10 dort und 50 da, kommst du auf 100 Prozent. Und du kannst jeden so lassen wie er ist, ohne ihn verändern zu wollen. Wenn du mehrere zusammensetzt, hast du Perfektion. Ich liebe und verehre meinen Ehemann, aber ich bin poly. Ich werde immer einen Freund haben. Ich will beides. Vielleicht bin ich gierig.


This is the edited (thanks to Seda Niğbolu) audio-version of the interview in english language and full length:

Im Konsens liegt die Macht

BDSM ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zumindest scheint es so. BDSM bedeutet „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ und steht für sexuelle Spielarten, die mit Macht, Unterwerfung, Dominanz und Gewalt zu tun haben: vom allseits beliebten Rückenkratzen und dem Durchkitzeln bis zu fortgeschritteneren Methoden der Folterung.

In Großstädten werden BDSM-Stammtische und Workshops für Bondage-Techniken angeboten, der kunstvollen Fesselung, die den Gefesselten auch dazu dient, in einer reizüberfluteten Welt abzuschalten, Verantwortung abzugeben und derart befreit ihre Sexualität leben zu können.

Es ist Mai. Im Münchner Stadtteil Schwabing-Freimann scheint die Sonne auf eine große Halle und die ersten Gäste der „BoundCon XI European Fetish Convention“, Europas größter Messe für Fetisch- und BDSM-Freunde. Unbedarfte Spaziergänger fragen, ob dort ein Kostümball stattfinde.

Die Besucher stammen aus verschiedenen sozialen Schichten und Berufsgruppen. Sie tragen ausgefallene Outfits aus Lack, Leder und Latex. Vor einem Stand mit Sexspielzeugen unterhalten sich zwei Menschen in Vollkörper-Latexbekleidung, ihr biologisches Geschlecht ist nicht erkennbar. Sie reden darüber, welches die beste Variante des Betriebssystems Linux ist.

Keine geifernden Typen auf BDSM-Events

Auch dass am Stand nebenan eine Frau eine Peitsche an ihrer männlichen Begleitung ausprobiert, stört niemanden. Auf den Bühnen wird gefesselt. Meistens Frauen, manchmal auch Männer. Anja, eines der Modelle, sagt, die Stimmung sei „viel angenehmer als auf normalen Erotikmessen. Keine geifernden Typen, niemand versucht, einen anzugrapschen“. Es herrscht eine freundliche Jahrmarktatmosphäre. Dies ist deutlich erkennbar kein Ort, an dem sich „perverse Triebtäter“ wohlfühlen würden.

Im BDSM wird überhaupt viel geredet. Schon beim Kennenlernen gibt man sich zu erkennen: Man ist dominant, devot, „switch“ und steht auf beides oder auf ganz etwas anderes. Laut der privaten Website „Kink Research“, die zehn wissenschaftliche Studien miteinander verglich, kommt im Durchschnitt auf jeden dominanten Mann ein devoter, auf jede dominante Frau vier devote. Aber immer gilt der Grundsatz „safe, sane und consentual“, also „sicherheitsbewusst, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich“. Ansprachen und Vertrauen haben höchste Priorität, zwischen Realität und gelebter Fantasie wird strikt unterschieden.

In Szene-Foren wird davon ausgegangen, dass es dabei zu wesentlich weniger sexuellen Straftaten kommt als in der „normalen“ Gesellschaft. Gleich zwei Studien, eine der australischen University of New South Wales von 2009 und eine der niederländischen Tilburg University von 2013, beschäftigen sich mit den Zusammenhängen von psychischer Gesundheit und der Neigung zu Missbrauch in der BDSM-Szene – sie zeigen, dass deren Anhänger ausgeglichener sind und seltener unter psychischen Problemen leiden, die zu sexuellen Straftaten führen könnten.

Entspannter Umgang mit Machtverhältnissen

Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit jedoch steht im starken Gegensatz zu dem entspannten Umgang der Szene mit Geschlechter- und Machtrollen. Während in der Verfilmung des Romans „Die Geschichte der O“ in den Siebzigern noch relativ unvoreingenommen mit dem Thema umgegangen wird, verbindet die Trilogie „Shades of Grey“ von 2011 die sadomasochistische Praxis mit traditionellen Geschlechterverhältnissen, mit Liebe, Ehe und Reproduktion. BDSM rückt so in die Nähe psychischer Erkrankungen und Kriminalität – Mord, Prostitution und Kindesmissbrauch. In einigen Medien wird der Roman gern als Zeichen eines wiedererstarkenden Machismo interpretiert, Belege aber gibt es dafür nicht.

Vor diesem Hintergrund beeinträchtigen private Vorlieben auch immer wieder politische Karrieren: Die „schöne Landrätin“ Gabriele Pauli wurde 2007 von ihren CSU-Genossen öffentlich dafür kritisiert, dass sie sich in Latexbekleidung hatte ablichten lassen; Fotos eines Bondage-Workshops, an dem die saarländische Piratin Jasmin Maurer teilnahm, wurden in die Massenmedien gezerrt und politisch instrumentalisiert; und ebenfalls pünktlich zur Bundestagswahl 2013 beleuchtete die Bild das Privatleben des FDP-Politikers Hans Müller, der bei der Szene-Kontaktbörse „Sklavenzentrale“ ein öffentliches Profil hatte, präsentierte ihn wie einen Gewaltverbrecher.

Während Kulturprodukte zum Sadomasochismus reißenden Absatz finden, wird er gesellschaftlich weiter geächtet. Während sich das freie Ausleben der Neigungen offenbar positiv auswirkt, wird BDSM gesellschaftlich kriminalisiert. Diese Doppelmoral wird durch den Umgang des Feminismus mit Dominanz und Unterwerfung noch deutlicher: Männliche Dominanz wird als Hass gegen Frauen gewertet. Einer freiwillig sexuell unterwürfigen Frau wird vorgeworfen, sie reproduziere die Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft. „Wie kannst du deinen Körper so behandeln lassen?“, werden sie immer wieder gefragt. Damit wird ihnen die Fähigkeit zu einer eigenen, freien Entscheidung abgesprochen.

Wie fühlt sich aber eine Frau, die noch nicht selbstbewusst entdeckt hat, dass ihre sexuelle Neigung zu Schmerz oder Unterwerfung ausleben kann? Sie verspürt Scham und Schuld. Nicht nur sich selbst, auch Gewaltopfern gegenüber, weil ihr oft mangelndes Mitgefühl unterstellt wird. Die Folge: Sie und ihr Umfeld suchen sich ein psychisches Trauma als Erklärung – ein Zusammenhang, den die genannten Studien ja genau umkehren. Kein Wunder also, dass BDSM-Veranstaltungen Ruhe und karnevaleske Freude ausstrahlt, die selbst von der aggressiven sexuellen Spannung eines normalen Ausgeh-Abends weit entfernt ist.

Weiblicher Masochismus als Kollaboration?

Alice Schwarzer sollte es bedauern, dass laut einer Psychologie heute-Umfrage von 2000 nur rund ein Prozent aller Männer und Frauen SM praktizieren – statt sich darüber zu freuen. Es ist ein Widerspruch, dass sie sich positiv zu „Shades of Grey“ äußert, nur weil die Protagonistin sich am Ende verweigert. Anscheinend hat Schwarzer weder das Buch noch BDSM verstanden. „Weiblicher Masochismus ist Kollaboration!“, hat Schwarzer einmal gesagt. Der sexpositive Feminismus, der die uneingeschränkte sexuelle Freiheit als wesentlich für die Gleichberechtigung ansieht, setzt seit den Achtzigern vor allem in den USA vor allem auf: mitmachen. Die Feministinnen dort fordern, dass Frauen aktiv ihre Wünsche äußern.

Letztendlich ist BDSM, wie ein Besuch der Boundcon zeigt, ein aufsteigendes Business. Aber Profit kann Gleichberechtigung auch schnell vergessen lassen. Trotz ihrer genderkorrekten, fantasiereichen Welt sind die Events und Videos für die Szene zum Großteil auf ein dominantes männliches Publikum zugeschnitten. Dass eine Mehrheit der „kinky“ Frauen devot sind, mag statistisch gesehen stimmen, ist aber eine billige Ausrede dafür, andere Tendenzen zu ignorieren.

Könnte sich dieses Verhältnis unter anderen Bedingungen ändern? Auch Fantasien basieren auf angelerntem Verhalten. Wie soll eine Frau, der vorgelebt wird, dass eine selbstbestimmte Sexualität falsch ist, sich für das Richtige entscheiden können? Erst die Möglichkeit, frei und ohne falsche Scham aus dem reichhaltigen Angebot sexueller Vorlieben zu wählen, ohne antrainiertes Rollenverhalten und gesellschaftliche Doppelmoral, kann zu einer erfüllten Sexualität führen. Egal, ob unterwürfig oder nicht.

 

Grabkammer der Liebe

von Ulf Schleth

Claudia Reinhardt - Liebespaare

Wenn man ihn betritt, ist es nur ein Raum in einer ganz gewöhnlichen Kreuzberger Wohnung, etwa dreißig Quadratmeter groß. Beim Heraustreten hat man das Gefühl, eine Grabkammer zu verlassen. Dabei war die intime Wirkung einer Privatwohnung als Ausstellungsort für „Dødspar, Liebespaare“ der Fotokünstlerin Claudia Reinhardt gar nicht beabsichtigt, sondern ist allein dem Umstand zu verdanken, daß sie nicht mit der Ausstellung warten wollte, bis sich eine Galerie gefunden hat. Leider sind dadurch die Öffnungszeiten der Ausstellung stark begrenzt.

Claudia Reinhardt wurde 1964 in Viernheim geboren. Zu den wichtigsten Stationen ihres künstlerischen Lebens zählen ihre Arbeit als Fotoassistentin in Berlin und ihre Arbeit als freiberufliche Fotografin in Hamburg, wo sie Meisterschülerin von Bernhard Johannes Blume war. Dank eines DAAD-Studiums konnte sie 1996 ein Jahr in Los Angeles arbeiten, seit 2000 lehrte sie an der Nationalen Akademie der Künste Norwegens in Bern, wo sie ihre Professur 2012 beendete. Jetzt lebt und arbeitet sie in Berlin und Oslo.

Die Fotografien stellen die Freitode von acht Paaren dar, für jedes Paar hängen drei bis vier kleinformatige Bilder an den Wänden. Dargestellt sind die unter Verwendung von Laiendarstellern inszenierten Situationen kurz nach dem Tod in der Draufsicht und zwei bis drei Detailansichten. Durch ihr Format zwingt Reinhardt den Betrachter, näher an das Bild heranzutreten, wie an ein Fenster in die Vergangenheit und sich in die dargestellte Situation hineinziehen zu lassen. Sie läßt uns das Unbehagen derjenigen empfinden, die unmittelbar nach dem Geschehen den Ort betreten und die Toten finden.

Für die meisten der abgebildeten Paare waren gesellschaftliche oder politische Zwänge die Ursache für den Suizid. Mehrere von ihnen haben sich das Leben genommen, weil Sie den Nazis auf einem anderen Wege nicht mehr entfliehen konnten. Mit Ausnahme von Stefan und Lotte Zweig, die dem nationalstaatlichen Terror zwar entfliehen konnten, den Verlust ihrer geistigen Heimat aber nicht ertragen konnten. Michael und Monika Stahl hingegen gerieten 2005 als „erste Opfer der Hartz IV – Gesetze“ in die Schlagzeilen. Sie wählen in einem Waldstück bei Berlin den Tod durch Autoabgase, weil sie ihren sozialen Abstieg nicht ertrugen.

Bereits 2004 beschäftigte sich Claudia Reinhardt in ihrer Arbeit „Killing Me Softly“ mit dem Suizid. Damals dem von bekannten Künstlerinnen. So wie sich hinter dem Freitod einer Einzelnen das Fehlen von Liebe vermuten läßt, impliziert der Tod eines Paares deren Anwesenheit. Dazwischen ist viel Platz für Zweifel und Fragen. War es eine gemeinsame Entscheidung oder ist eine dem anderen gefolgt? Wo  genau ist der Punkt überschritten, an dem Hoffnung und die Liebe zum Leben ganz der Liebe zum Partner und dem Tod Platz macht? Können wir den Wunsch der Paare, sich vom Leben zu befreien akzeptieren oder haben wir es mit Mord am Selbst zu tun? Und welche Verantwortung tragen jene, die die auslösenden Umstände geschaffen haben?

Etwa eineinhalb Jahre hat die Arbeit an „Dødspar, Liebespaare“ bisher gedauert. Recherche, Planung, Requisite, die Suche nach geeigneten Orten. Ein Mammutprojekt, das ohne ein zweijähriges Arbeitsstipendium des „Norsk Billedkunstnerer“ nicht möglich gewesen wäre. Und das noch nicht beendet ist. Claudia Reinhardt wird wohl noch weitere Paare aufzunehmen, allen voran Gert Bastian und Petra Kelly. Dank der staatlichen Kunstförderung Norwegens ist diese beeindruckende Fotoarbeit noch an zwei weiteren Terminen in Berlin zu sehen.

Dieser Artikel erschien in am 17.5.2014 in der taz berlin.

The Inflation of Grey

von Ulf Schleth

grey_coverVaginal, Anal, Double Penetration, Gangbang, Schläge in Gesicht und Bauch. Die Amerikanerin Sasha Grey machte schon in der ersten Bewerbung ihrer Pornokarriere im Alter von 18 Jahren klar, daß es nicht viel gab, das zu tun sie nicht bereit war. Sie schrieb, daß sie die meisten Pornos für langweilig hielt und zu den Darstellerinnen gehören wollte, die die Grenzen dessen erweitern, von dem man glaubt, daß Frauen es zu mögen oder zu sein haben. Vor der Kamera äußerte sie, wie in der Branche üblich, kein schlechtes Wort über ihre Arbeit. Obwohl es auf der Hand liegt, daß man bei einem Produktionspensum von fast 300 Filmen in 3 Jahren eine Menge unangenehme Erfahrungen macht.

An ihrer Behauptung, sie habe ihre Pornokarriere genutzt, um die eigene sexuelle Identität und deren Grenzen auszuloten, scheint etwas dran zu sein. Ein Star in der Szene, die unabhängige und alternative Pornodarstellerin und -produzentin Belladonna buchte sie für einen Fünfstunden-Dreh und schlug ihr vor, sie könnte sich doch ein paar eigene Phantasien verwirklichen. Sasha Grey kam daraufhin mit zwei engbeschriebenen DIN A4 Blättern zum Set.

Zu Weltruhm kam sie in erster Linie wegen ihres extremen Agierens vor der Kamera, wobei ihr adoleszentes Aussehen sicher auch eine Rolle spielte. In ihren Pornos forderte sie ihre Partner auf, noch härter zu sein, verlangte nach mehr, setzte ihnen Schweinenasen aus Gummi auf, beschimpfte sie zuweilen oder glänzte mit unverhergesehenen humoristischen Äußerungen. Sie übernahm scheinbar die Kontrolle und ließ den Zuschauer deutlich spüren, daß sie alles andere ist als ein Objekt oder Opfer. Gegenüber „Spiegel Online“ sagte sie, daß in Porno Raum für Kunst ist und sie Frauen vermitteln wolle, daß an Sexualität nichts sei, dessen man sich schämen müsse.

Vor vier Jahren stieg die damals 21jährige aus der Pornobranche aus. Seitdem hat sie, angefangen mit Steven Soderberghs „The Girlfriend Experience“ in einigen Filmproduktionen, Serien und nicht zuletzt in einem satirischen NSA-Werbeclip mitgespielt. Sie ist Teil der Industrial-Band „aTelecine“, ist als DJane vor allem in Russland beliebt, hat den Band „Neü“ mit eigenen Fotos herausgegeben und nun ein Buch geschrieben.

Ihr Agent hat ihr schon länger damit in den Ohren gelegen, doch über einen erotischen Roman nachzudenken. Als „Shades of Grey“ herauskam, wie eine Rakete den Bestsellerhimmel eroberte und wegen des Titels häufig mit ihr in Verbindung gebracht wurde, schien akuter Handlungsbedarf vorzuliegen und so schrieb sie (nicht ganz ohne Hilfe) innerhalb eines Monats „Die Juliette Society“. Das Buch ist fast zeitgleich weltweit in allen wichtigen Sprachen erschienen – eine türkische Ausgabe folgt in Kürze.

Es geht um die Filmstudentin Catherine, die in einer monogamen Zweierbeziehung mit ihrem Freund Jack zusammenlebt, der im Wahlkampfbüro des Senators Robert DeVille arbeitet. Ihre Liebe zu Jack währt über die letzte Seite hinaus. Catherine hat sexuelle Phantasien, insbesondere im Zusammenhang mit ihrem Dozenten Marcus. Der hat allerdings bereits eine Liebschaft mit ihrer Kommilitonin Anna. Die beiden Frauen lernen sich kennen.

Anna mag BDSM. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“; sie ist ein Sammelbegriff für alle sexuellen Spielarten, die mit Macht, Unterwerfung, Dominanz und Gewalt im weitesten Sinne zu tun und das Einverständnis der beteiligten Parteien zur Voraussetzung haben.

Catherine ist fasziniert von der Welt, die Anna ihr eröffnet und folgt ihr in das sexuelle Neuland. Was sie dort erfährt, bringt ihr jedoch nicht nur Befriedigung, sondern treibt sie auch in die Arme einer illustren Geheimgesellschaft von skrupellosen Reichen und Mächtigen wie Senator DeVille, für die ihr  eigener Lustgewinn über der Maxime des beidseitigen Einverständnisses steht.

„Die Juliette Society“ ist das Buch einer 25jährigen, die viel Sex hatte, geschrieben für Leute, die auf der Suche sind. Auf der Suche nach ihrer eigenen Sexualität oder schlicht nach pornographischer Lektüre mit einem gewissen intellektuellen Anspruch. Grey läßt verschiedene filmische und literarische Referenzen in ihren Text einfließen, insbesondere „Belle de Jour“ von Luis Buñuel und „Sexualität ist Macht“ von Angela Carter. Und genau darum geht es Sasha Grey: um Sex, Macht und den Zusammenhang zwischen beidem.

Im Konrast dazu läßt  die stilistische Reife dieses Romanes leider zu wünschen übrig . Die sexuellen Eskapaden der Christine können partiell mitreißen, lesen sich aber streckenweise wie leb- und lieblose Aneinanderreihungen von kondomlosen Pornoszenen. Die obskure titelgebende Geheimgesellschaft, in deren Ideengefüge natürlich auch der Gott Pan nicht fehlen darf, wirkt künstlich aufgepfropft; eine wirkliche Rolle spielt sie nur im ersten und letzten Kapitel. Doch auch wenn der Text keine hohe literarische Qualität hat, vermag die Lektüre zu unterhalten.

Die Beschreibung der beiden Hauptcharaktere Christine und Anna legt die Spekulation nahe, beide könnten für verschiedene Aspekte des Lebens ihrer Autorin stehen. So sagt Catherine über Anna: „Als wäre der Sex eine Notwendigkeit, die dazu dient, ihre innere Leere auszufüllen, eine Leere, die sich niemals ausfüllen läßt. Aber sie ist ein kluges Mädchen, also wird sie irgendwann erkennen, daß sie in einen Abgrund starrt.“ Es ist gut vorstellbar, daß Sasha Grey sich ziemlich nah an diesem Abgrund befunden hat.

Wer einmal in der Pornobranche gearbeitet hat, ist für gewöhnlich lebenslang stigmatisiert, ein Umsatteln in eine andere Branche wird schwierg. Das dürfte nicht einfacher werden, wenn die eigenen Körperöffnungen jederzeit und bis in alle Ewigeit für jedermann und -frau in hunderten von Videoclips auf tausenden Websites im Internet verfügbar sind. Sasha Grey möchte nicht mehr so gern ständig auf ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin angesprochen werden, scheint aber zu wissen, daß das nicht so ohne weiteres umzusetzen ist. Sie macht das beste draus. Sie versucht das System in dem sie gefangen ist, von innen heraus zu ändern und nutzt gleichzeitig die Attraktion, die ihr ehemaliger Beruf auf Publikum und Feuilleton ausübt, als Sprungbrett für ihre weitere Karriere.

Ohne diese Attraktion würde wohl niemand ihrer Kunst größere Beachtung schenken. Die lüstern geifernde Dankbarkeit der Medien für dieses Geschenk ist spürbar: Ein intelligentes Mädchen, das freimütig erzählt, daß es mit 16 ½ zum ersten Mal Sex hatte, das sofort mit der Volljährigkeit zum Pornostar wurde und als 25 jährige Frau ein Buch schreibt und Kunst macht. Die dann auch noch darauf beharrt, das alles aus freien Stücken, Spaß und freien Stücken getan zu haben. Wieviel Spaß kann es machen, in einer Zeit, in der andere Leute noch ihre Jugendlichkeit genießen, über 3 Jahre hinweg etwa alle 4 Tage einen anstrengenden Pornodreh zu haben? Mit Partnern, die sie sich nicht aussuchen kann, begleitet von Infektionen und anderen Berufsrisiken.

Weiß eine Workoholic-Pornoakteurin besser was guter Sex ist, als jemand anderes, wo Porno doch eher auf schnelle Befriedigung des Publikums ausgelegte, inszenierte Fantasie ist? Wie wirken sich solche Erfahrungen auf die Entwicklung von emotionaler Nähe und Reife aus? Erklärt sich so vielleicht die partielle Gefühlsarmut in „Die Juliette Society“? Kann man unter diesen Voraussetzungen wirklich glaubhaft Hilfestellung zur sexuellen Selbstfindung geben?

Man mag Sasha Grey für subversiv halten oder für heuchlerisch und kommerziell, für eine Feministin, eine Feminismuskritikerin oder keines von beidem. Tatsächlich steht sie ein für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau und wirbt dafür, daß Frauen wie Männer auch BDSM-Praktiken ausüben können sollten, ohne sich dafür schlecht oder krank fühlen zu müssen. Daß es keinen Widerspruch zwischen BDSM, Zärtlichkeit und Liebe gibt. Daß es normal ist, daß sich ein Mensch von etwas erniedrigt fühlt, ein anderer aber frei und stark. Die Tabuisierung weiter Bereiche menschlicher Sexualität gefährdet in Greys Augen die Persönlichkeitsentwicklung. Und obwohl sie mit diesem Buch auch auf Verkaufszahlen ausgelegten Mainstream produziert, macht dieser Umstand „Die Juliette Society“ um einiges lesenswerter als das sich in dümmlichen Rollenklischees verlierende „Shades of Grey“.

Sasha Grey treibt ihre Karriere und ihre Kunst in einem ungeheuren Tempo voran. Vielleicht ist genau das ihr Problem. Wenn sie ihrer Kunst wegen geliebt werden möchte, wird sie sich ein bisschen mehr Zeit lassen und etwas mehr Energie in die Entwicklung ihrer Arbeiten stecken müssen. Daß sie dazu in der Lage ist, steht vollkommen außer Frage.

Sasha Grey
„Die Juliette Society“
320 Seiten, ISBN 978-3453268869
Heyne Hardcore, EUR 8,80/19,99

BESTELLEN

Dieser Artikel erschien am 30.01.2014 in bearbeiteter Fassung unter dem Titel „Die Befreierin“ in der taz und am 31.01. auf taz.de.