Narrative Laute

von Ulf Schleth

Bauzäune & Liebe zur Musik. Foto: Ulf Schleth

Bauzäune & Liebe zur Musik. Foto: Ulf Schleth

Moers liegt in Nordrhein-Westfalen, hat ein eigenes Autobahnkreuz und das für viele wichtigste Jazzfestival Deutschlands. Das Wort »Jazz« ist aus dem Titel verschwunden. Zu Recht, denn das mœrs festival war nie nur Jazz. Es ist über 40 Jahre alt, aber noch so jung wie beim ersten Mal. Es hat den Ruf, ein besonders offenes Festival zu sein. Für freie Musik, für Klein und Groß, Arm und Reich. Nichts lag zu Pfingsten näher, als die Kinder mitsamt Zelt und ausreichend Ravioli-Dosen ins Auto zu packen und diesen Ruf auf den Prüfstand zu stellen.

Die Dramatik der langen Fahrt von Berlin aus, vorbei an Brandenburgischer Steppe, Kohlezechen und Kühltürmen, war eine gute Vorbereitung auf das Eröffnungskonzert von Carolin Pook und sieben weiteren Violinistinnen, die unter Einsatz von Bierkisten und Küchentabletts auch die Percussion übernehmen. Die Komposition zerteilt, treibt voran und vereint die Eigenständigkeit der Violinen, so daß der Besucher weiß: Ich bin angekommen, ich bin jetzt ein Teil von Moers.

Nach dem ruhigen Folksänger Sam Amidon konnte man sich das »End of Summer« des erfolgreichen isländischen Filmkomponisten (»Sicario«) Jóhann Jóhannsson zu Gemüte führen. Zusammen mit Hildur Gudnadóttir und Robert A. A. Lowe vertonte Jóhannsson einen von ihm in der Antarktis auf Super 8 gedrehten Schwarzweißfilm, der wie ein Schattenspiel anmutete. Sound und Film spielen mit Naturgewalten, schaffen düstere Vorahnungen und ein Gefühl von Ausgeliefertsein, das von hellen und lebendigen Tierstimmen konterkariert wird.

Ein Festivaltag in Moers beginnt in der Musikschule mit den »Morning Sessions«, in denen die Künstler des Festivals improvisieren. Am Sonntag sind das Irene Kepl (Violone), Mascha Corman (Gesang), Achim Zepezauer (Elektronik) und Elisabeth Fügemann (Cello), die eine kleine Reise unternahmen, im Meer der Lebensfreude losfuhren, sich über den Strom beginnenden Wahnsinns treiben ließen, eine Zwischenstation im klangvollen Loop der Ratlosigkeit einlegten und sich am Ende unter der Dusche des rhytmischen Einklangs reinwuschen.

Mittags folgten Solokonzerte in der Stadtkirche, wie das der Isländerin Gudnadóttir (Cello und Gesang), deren melancholische Stücke das Publikum andächtig-nachdenklich zurückließen. Die »Night Sessions«, die traditionell in der Kneipe »Röhre« stattfinden, wurden in diesem Jahr von Louis Rastig, der das Berliner Festival »A L’ARME!« leitet, organisiert. Wer um Mitternacht nicht zu müde war und nicht wegen lästiger Überschneidungen mit dem Hauptprogramm fernbleiben musste, konnte hier den intimen musikalischen Dialog zwischen den narrativen Lauten von Natalie Sandtorv und dem Schlagzeug von Ole Mofjell erleben oder sich das Hirn von Doglife durchpusten lassen, deren heftiger Auftritt Einflüsse von Jazz, Punk und Drone vereinte.

Party in Moers. James Muschler, der Trommler von Moon Hooch. Foto: Ulf Schleth

Party in Moers. James Muschler, der Trommler von Moon Hooch. Foto: Ulf Schleth

Moers ist wie geschaffen für Allein- und Teilerziehende, die im kinderfeindlichen Deutschland solche Festivals, auf denen Kinder nicht nur gern gesehen werden, sondern auch freien Eintritt haben, gut gebrauchen können. Endlich können sie auch mal wieder Kultur live erleben. Für sie wäre es schön gewesen, wenn ein paar experimentellere Acts mit abendlichen Wohlfühlhighlights ausgetauscht worden wären. So wäre es möglich gewesen, den lieben Kleinen die Musik vorsichtiger näherzubringen und sich abends besser auf etwas Komplexeres zu konzentrieren.

Gefälliges gab es genug. Die No BS! Brass Band aus Virginia konnte alles: Stimmung, HipHop, Rap, a capella, klassische Big Band. Das Harriet Tubman Trio, benannt nach der bekanntesten Fluchthelferin des amerikanischen Rezessionskrieges und Cassandra Wilson brachten Funk und stimmliche Seele. Moon Hooch waren eine Art Mischung aus den modernen Madness (bloß ohne Ska) und DJ Ötzi. Sie rissen das Publikum von den Sitzen auf die Tanzbeine, während das Trio Dawn of Midi eine hypnotisierende, minimalistische Art gefunden hat, elektronische Tanzmusik mit klassischen analogen Instrumenten zu performen.

Zu den sperrigeren und im positivsten Sinne störenderen Performances gehörte das Programm »Book of Birds« von The Liz, das literarische Fragmente von Kathy Acker („Blood and Guts in High School“) und Jean Cocteau verwendet und sich mit Gender, Identität und Transformation beschäftigt. Jazzjuwelen gab es auch: Tim Isfort, der mit seinem »Zapptet« ein Jazzmuseum aufführte, inklusive eines Post-Punk-Covers, die kühleren aber mathematisch-virtuosen Medusa Beats; Warped Dreamer, ein Quartett mit Krautrockelementen und gesanglicher Doppelbödigkeit oder die aggressionsgetriebenen Amok Amor.

Nachts auf dem Weg zum Zeltplatz hörte man zuweilen akademische Jazzfreunde auf vergnügungssüchtige Weltmusikler schimpfen und die Freunde des Mainstreams („So muss ein Festival sein – vier Tage durchtanzen, nicht schlafen und dann wieder fit sein für die Arbeit“) auf die dogmatischen Akademiker. Die Festivaleitung schafft es hier, ihrem Auftrag gerecht zu werden und mit einer gegen jede Arroganz immunen Programmgestaltung alle Lager zu vereinen.

Vier Tage lang war die Festivalhalle in Moers bis zum letzten Platz besetzt. Die Kinder waren überglücklich. Sie haben erfolgreich Autogramme gejagt, wurden vom WDR interviewt und haben eine der kunstvollen Masken von „The Liz“ Liz Kosack geschenkt bekommen. Das Moers Festival machte auch in diesem Jahr Musik erlebbar, brachte Menschen, Geschmäcker und Kulturen zusammen, erweiterte Horizonte und lehrte Musik. Es bekommt durch den Händlermarkt vor der Tür Volksfestcharakter, ist durch die Ermässigung und das kostenlose Campen sozial erträglich und durch die kostenlosen Veranstaltungen wie die Sessions und Kirchensoli steht es allen offen. Durch die überall installierten Bauzäune wirkt das Festival schon optisch ein wenig eingesperrt. In den letzten Jahren haben finanzielle und politische Querelen an seinem Flair genagt.

2014 wurde es unter anderem wegen Grillspuren und Restmüll aus dem Zirkuszelt im Stadtpark in die Halle verlegt. Besucher Holger K. aus Berlin schüttelt den Kopf: „Was für ein Blödsinn. Da haben sie seit 40 Jahren ein Festival von internationaler Bedeutung und dann siedeln sie es um wegen ein bißchen Müll. Wer sich waschen will, muß sich naß machen.“ In diesem Jahr konnte erst im März durch eine 417.267-Euro-Bürgschaft der Stadt Moers die Finanzierung gesichert werden. Reiner Michalke, der künstlerische Leiter des Festivals hat Konsequenzen aus diesen Schwierigkeiten gezogen und zum Ende des Festivals bekannt gegeben, daß er der Moers Kultur GmbH die Auflösung seines Vertrages mit sofortiger Wirkung angeboten hat. Stadt und Land sollte klar sein, was sie mit Michalke verlieren würden.

Das gesamte Hauptprogramm des Festivals ist für 6 Monate auf „arte concert“ abrufbar.

Dieser Text erschien am 20.05.2016 in küerzerer Form in der “jungen Welt”. In der taz erschien ein lesenswerter Text von Philipp Rhensius.

Kontrollierte Entropie

von Ulf Schleth

12. 2. 2016 – im Neuköllner „Projektraum für Konvergenz in und um Berlin entstehender und arbeitender kultureller Gemeinschaften und transdisziplinärer Gruppen“ SPEKTRUM ist nach Lucio Capece und Bryan Eubanks, die den leisen und langsamen Prozess der Enthüllung elektroakustischer Schönheit hörbar machen, auch Wolfgang Spahn mit seiner Klangperformance ENTROPIE zu Gast.

Die Leinwand füllt sich kaleidoskopisch mit Blasen, Farben und Schlieren. Flächen überlappen sich, Rotationen wischen über alles hinweg. Der Klangteppich hat rhythmische Phasen, die zuweilen in eine Art Herzrhythmusstörung übergehen, sie aber auch wieder verlassen. Die Aufmerksamkeit wird irritiert durch die Motorengeräusche des Projektionsapparates, in dem sich Flüssigkeit bewegt. Er ist nur eine Komponente von mehreren, die auf verschiedene Weise miteinander verbunden sind und eine große Maschine bilden. Alles steht miteinander im Zusammenhang. Zirpende, filigrane Klänge dringen durch kreischende Störgeräusche, die das Gehirn in Alarmbereitschaft versetzen und wirken ihnen beruhigend entgegen. Sofort werden sie sichtbar, so daß das Gefühl entsteht, in einem Organismus zu sitzen und ihn von innen her zu betrachten. Harmonie wird zerstört, wieder hergestellt und wieder zerstört, ein natürlicher Lebensvorgang. Läßt man los, gibt man die Kontrolle auf und läßt dem eigenen assoziativen Hören, Fühlen, Denken freien Lauf, wird man zu einem Teil dieser Maschine. Sogar Atemfrequenz und Herzschlag folgen streckenweise der Dramatik der Spahnschen optoakustischen Noisemaschinerie.

Der 45jährige Spahn stammt aus Bayern und lebt seit 25 Jahren in Berlin. Künstlerisch beschäftigt er sich schon früh mit kinetischen Lichtobjekten. In den 90er Jahren begann er in Zusammenarbeit mit verschiedenen Klangkünstlern, sich mit Videokunst und Projektionen zu beschäftigen. Wie bei den meisten solcher Projektionen und Musikvideos waren auch für Spahn Klang und Bild getrennt – es ging darum, durch Synchronisation die Illusion zu schaffen, beides würde zusammengehören. Spahn arbeitete viel mit anderen Noise-Künstlern zusammen, insbesondere mit dem in London und Berlin lebenden Martin Howse. Auf experimentelle elekronische und Noise-Musik muß man sich häufig erst einlassen, bevor man Differenzen und leise Töne wahrnehmen kann. Die direkte Verknüpfung mit einer visuellen Darstellung erleichtert dem Publikum den Zugang. Deshalb wurde Spahn mehr und mehr selbst zum Noise-Musiker und verkoppelte Klangerzeuger und Projektion, so daß sie sich gegenseitig steuerten und so keine Synchronisierung mehr nötig war. Die elektronischen Schaltungen, die er zum Erzeugen der Klänge in seinem Weddinger Atelier entwirft, setzt er mit einem eigenen, einfachen System um; er druckt sie auf Papier aus und klebt sie auf handelsübliche Hartpapier-Experimentierplatinen. Die ausgedruckten Vorlagen stellt er als Open-Source der Allgemeinheit im Internet zur Verfügung.

Spahns Schaltkreise. Foto: Ulf Schleth

Spahns Schaltkreise. Foto: Ulf Schleth

Der Begriff Entropie stammt aus der Thermodynamik. Er wird häufig vereinfachend als Synonym für Unordnung und Chaos verwendet, wurde von Informationstheorie und Sozialwissenschaften übernommen und fasziniert weltweit zahlreiche Künstler, nicht zuletzt dank des Schriftstellers Thomas Pynchon.  Wolfgang Spahn verwendet für seine Entropie sowohl analoge als auch digitale Elemente. Für seine Projektionen setzt er unter anderem mit farbiger Miniaturmalerei versehene CD-Rohlinge und Ferrofluide ein, spezielle Metalle, die in Flüssigkeit schweben und durch Magnetfelder bewegt werden können. So werden in der Entropie Klangsignale in Licht und Projektion um- aber auch wieder in andere Klangsignale zurückgewandelt. Auch die Licht- und Videosignale der Projektionen und die Magnetfelder der für deren Bewegungen mitverantwortlichen Elektromotoren werden mit Tonband-Magnetköpfen abgenommen und dem klanglichen Gesamtkunstwerk wieder zugeführt, verstärkt und wieder ausgegeben, wodurch auch die Projektion wieder verändert wird. In dieses Gesamtsystem greift Spahn kontrollierend ein, filtert und moduliert, so daß das Klangerlebnis dem Publikum zugänglich bleibt und er auf andere Umstände wie das künstlerische Umfeld, in diesem Fall den zerbrechlichen Vortrag von Capece und Eubanks, eingehen kann.

Stinkstiefel könnten nun behaupten, kontrollierte Entropie wäre keine Entropie und sich fragen, warum Spahn diesen Aufwand treibt, um Klänge zu erzeugen, wo man doch mit klassischen Mitteln ähnliche Klänge erzeugen könnte. Genauso gut könnte man Dantes Inferno mit der Geisterbahn im Lego Discovery Center vergleichen: Das Wissen um die elektronische Romantik in Spahns Entropie berührt gemeinsam mit dem haptischen Erlebnis der Unmittelbarkeit ganz tief im Innnern. Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, wie organisch die hörbar gemachten elektrischen und magnetischen Felder wirken. Erst beim zweiten Blick erinnert man sich daran, daß elektrische Ströme in der Biologie eine große Rolle spielen und dem Menschen inhärente Technologie sind. Auch mit Biologie hat Spahn Erfahrungen gesammelt. 2010 hat er in dem Projekt „Dias de los Muertos“ die Bewegung von Regenwürmern in eine Projektion umgesetzt, in anderen Projekten hat er mit Hirnströmen und menschlicher Atmung gearbeitet.

Die Quelle des Lebens ist sauer

von Ulf Schleth

Eine ausgeblichene Koralle in einem Riff vor Islamorada, Florida. Foto: Kelsey Roberts, USGS.

Eine tote Koralle in einem Riff vor Islamorada, Florida. Foto: Kelsey Roberts, USGS (cc-by-2.0.).

Als Sarah Zauner vergangenen Sommer vor der Küste des ägyptischen Dahab zu den Korallenriffs hinabtauchte, sah sie zwar eine wunderbare, bunt schillernde Unterwasserwelt – doch auch viel mehr abgestorbene Korallen als sie für möglich gehalten hatte. Die 30-Jährige Biologin taucht bei dem internationalen Projekt „Reef Check” mit, um das fortschreitende Korallensterben im Auge zu behalten.

„Man sieht immer mehr weiße Korallen – durch Überfischung und Klimaerwärmung bleichen sie aus und sterben ab”, sagt sie. Das Projekt soll die Entwicklung von Korallenriffen weltweit dokumentieren. Auch Sporttaucher können sich beteiligen und ehrenamtlich helfen, Daten zu erheben.

„Durch den weltweiten Temperaturanstieg sinkt der pH-Wert des Wassers, was den Algenbewuchs fördert, unter dem die Korallen leiden. Durch diese zunehmende Versauerung des Wassers haben Muscheln und Hummer Schwierigkeiten, ihre Schalen zu bilden und die Korallen können ihr kalkhaltiges Skelett kaum aufbauen und wichtige Bakterien nicht mehr annehmen, was ihnen die Lebensgrundlage entzieht”, erklärt Zauner.

Die Korallen sind Lebensraum für viele Lebewesen; sie ermöglichen Artenvielfalt. So benötigt etwa der Papageienfisch die Korallen als Nahrungsquelle und Riffbarsche nutzen sie als Aufzuchtsstätte für ihren Nachwuchs.

In ausgeblichenen Riffen werden Korallenfische durch die fehlende Tarnung zudem leichter Opfer von Raubfischen. Das schadet zum einen dem Nahrungskreislauf, zum anderen aber auch dem Menschen, denn die riffreichen Regionen der Erde leben auch vom Tauchertourismus. Die Entwicklung ist an manchen Orten schon besorgniserregend vorangeschritten. Das Great Barrier Reef in Australien etwa hat durch die Veränderung des Ökosystems bereits 50 Prozent seiner Korallenbildung eingebüßt.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Erdoberfläche ist zu zwei Dritteln mit Wasser bedeckt, von dem das Leben der Menschen in vielerlei Weise abhängt. Auf die fortschreitenden Temperaturveränderungen reagiert das Wasser träge, das heißt mit einer Verzögerungen von Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten. Die Folgen der Klimaerwärmung wirken im Meer also erst später, dafür aber auch länger.

Der Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen des Polareises ist ein immer wieder gern zitiertes Horrorszenario, die Auswirkungen unter Wasser dagegen sind nicht direkt sichtbar, werden deshalb leicht übersehen und von der Politik gerne ignoriert. Doch die Forschung bringt durch ihre Langzeitstudien mittlerweile auch jene in Bedrängnis, die diese Auswirkungen des Klimawandels verharmlosen oder sogar leugnen.

Hans-Otto Pörtner, der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates (IPCC) hat im Oktober Zahlen vorgelegt, nach denen sich die Temperatur der Meeresoberfläche bis zum Jahr 2100 um 3,2 Grad Celsius erhöhen wird – vorausgesetzt, der CO2-Ausstoß bleibt wie er derzeit ist. Während Kleinstlebewesen durchaus von dieser Entwicklung profitieren können, wäre das der sichere Tod für eine Vielzahl von Wasserpflanzen und größeren Lebewesen, weil sie sich den veränderten Lebensbedingungen häufig nicht so gut anpassen können.

Der Zug ist abgefahren

Inzwischen geht es um Schadensbegrenzung, verhindert werden kann das Artensterben nicht mehr. Nach Ansicht von Pörtner ist es auch nur dann in einem vertretbaren Rahmen zu halten, wenn der CO2-Ausstoß so weit reduziert wird, dass die Temperatur sich um nicht mehr als 1,5 Grad erhöht. Das Abkommen von Paris soll Formulierungen enthalten, dass sich die Welt Mühe gibt, den Temperaturanstieg im Schnitt unter dieser Grenze zu halten. Pörtner findet das wichtig: „Es lohnt sich, um jedes zehntel Grad zu kämpfen”, sagt er.

Bei einer maximalen Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad könnte der Anstieg des Meeresspiegels auf weniger als einem Meter begrenzt werden. Bliebe alles wie es ist, würde es wesentlich wärmer und auch der Meeresspiegel würde weiter ansteigen – um mehr als 2 Meter bis zum Jahr 2200 und fast 7 Meter im Jahr 2500. Das würde bedeuten, dass weltweit zahlreiche Städte und Landstriche überschwemmt werden, wodurch auch lebenswichtige Süß- und Trinkwasserbestände gefährdet wären.

Ein Viertel des seit 1850 um ein Drittel gestiegenen CO2-Bestandteils der Atmosphäre wird von den Meeren aufgenommen. Das heißt: Je mehr CO2 der Mensch erzeugt, desto höher ist die CO2-Sättigung der Meere. In Folge steigt durch chemische Reaktion die Versauerung und gleichzeitig sinkt die Anreicherung mit dem für das Ökosystem lebenswichtigen Sauerstoff, was durch die Erwärmung weiter verstärkt wird.

Zerstörerische Klimaphänomene

Hinzu kommen weitere Nebeneffekte, die mitnichten nebensächlich sind. Das Klima-Phänomen El Niño etwa bezeichnet ein Auftreten ungewöhnlicher, nicht zyklischer Strömungen im ozeanographisch-meteorologischen System. Das Phänomen tritt alle zwei bis sieben Jahre um die Weihnachtszeit im Gebiet vor den Küsten Perus, Ecuadors und Chile auf. Es entsteht durch ein Zusammenspiel von Wind- und Wassertemperatur. Durch das Abflauen der Passatwinde lässt die Kaltwasserströmung nach und das Wasser erwärmt sich so sehr, dass die Wasserschichten sich nicht mehr vermischen, was zum Absterben von Plankton und dem Zusammenbruch von Nahrungsketten führt.

Für den Menschen vor Ort ist das auch durch die ausbleibenden Fischschwärme spürbar. Bisher fiel der El Niño alle zwanzig Jahre besonders heftig aus, das letzte Mal zum Jahreswechsel 1997/98. Damals hinterließ das Phänomen und die folgenden Stürme, Überschwemmungen und Dürren Schäden in der Höhe von 35 Milliarden US-Dollar und forderte etwa 23.000 Menschenleben. Außerdem wurden viele Korallenriffe samt ihrer Bewohner zerstört. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass dieser Effekt durch die Klimaerwärmung noch häufiger und stärker auftreten wird. Noch in diesem Winter erwarten Meteorologen einen starken El Niño.

Mittlerweile gibt es Forschungsprojekte, die zum Ziel haben, die langfristigen Auswirkungen der Ozeanversauerung zu untersuchen. Etwa das „Bioacid”-Projekt unter der Leitung von Ulf Riebesell. In sogenannten Mesokosmen, 20 Meter langen Kunststoffsäcken, die im Meer verankert werden, werden die Auswirkungen zukünftiger Versauerung auf maritime Lebensräume simuliert.

Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass Pteropoden – das sind kleine, zerbrechliche Flügelschnecken – bei niedrigen pH-Werten nicht mehr lebensfähig sind. Das wird bei vielen nur ein Schulterzucken hervorrufen, die Folgen für die Nahrungskette sind aber beträchtlich. Denn die Schnecken bilden einen wichtigen Teil der Lebensgrundlage für viele Fische und auch für Wale sind sie ein Hauptnahrungsmittel.

Dieser Artikel erschien am 11.12.2015 auf taz.de.

Porntubes: Porno, Sexarbeit & Internet

von Ulf Schleth

vlnr: Nishant Shah, Roy Klabin, Francesco Warbear Macarone Palmieri, Liad Hussein Kantorowicz, PG Macioti

vlnr: Nishant Shah, Roy Klabin, Francesco Warbear Macarone Palmieri, Liad Hussein Kantorowicz, PG Macioti

Am 31. Oktober veranstaltete das Disruption Network Lab („An ongoing platform of events and research on art, hacktivism and disruption in Berlin“) im Kunstquartier Bethanien einen Abend zum Thema „PORNTUBES: Sharing the Explicit“. Die geladenen Gäste diskutierten die Bedeutung des Internets für die Porno-Industrie und SexarbeiterInnen. Besondere Berücksichtigung fanden dabei die hochfrequentierten „Porntubes“; Porno-Plattformen wie Youporn, Redtube, X-Hamster und Redtube, die kostenfrei Pornoclips zur Verfügung stellen. Die Auswahl der Gäste war hervorragend und die Qualität der Beiträge, insbesondere die der Diskussionsrunde, höher und umfassender als alles, was ich bisher bei anderen Panels zu diesen Themen erlebt habe. Deshalb hier in knapper und kurzer Form eine kurze Beschreibung der einzelnen Programmpunkte, garniert mit Komplettmittschnitten der Gespräche in englischer Sprache und toller Qualität (Danke!, DNL) zum Nachhören.

Carmen Rivera (BDSM-Porno-Produzentin, -Regisseurin, -Darstellerin uvm.) im Gespräch mit Gaia Novati (Netzaktivistin und Indie-Porno-Forscherin, IT/DE)

Carmen Riveira ist schon lange im Geschäft. Sie unterhält ihr Unternehmen mehr oder weniger im Ein-Frau-Betrieb. Sie finanziert ihre Arbeit zu Teil über Kunden, die ihre eigenen Phantasien in Filme umgesetzt sehen möchten, über den Verkauf von DVDs und Online-Clips. Die Porno-Industrie ist abhängig von den Porntubes, die zum einen die Einkünfte der Pornoindustrie schmälern, zum anderen aber benutzt werden müssen, um die Arbeit der Produzenten und Akteure bekannter zu machen. Gleichzeitig erhöhen sie auch das Produktionstempo, denn in den Porntubes ist alles was älter als eine Woche schon wieder Brot von gestern. Insgesamt wird dadurch die Produktionsquantität erhöht, die Qualität aber leidet. BDSM vertritt dabei sicher eine Sonderrolle, denn dort unterscheiden sich die Bedingungen durch den Nischencharacter und durch Grundsätze des BDSM wie „Safe, Sane, Consensual“ positiv vom Mainstream-Porno. Rivera spricht über widersprüchliche und veraltete bzw. bigotte internationale Gesetzgebung, über Netzwerke, über den Mythos Pornostar, den Tod der BDSM-Szene, den Umgang mit Raubkopien im Internet, die heute kaum noch zu verhindern sind, davon daß sie Frauen mehr Selbstbewußtsein geben möchte (Anm.: Es wäre schön, wenn in solchen Zusammenhängen ab und an davon gesprochen würde, daß auch Männer mehr Selbstbewußtsein bräuchten, um in die Lage versetzt zu werden, ihr angelerntes Rollenverhalten zu verlassen) und davon, daß BDSM in den Medien gewohnheitsmäßig falsch dargestellt wird, was auch am Publikum liegt: Es liebt Freak-Shows.

Mitschnitt des Gespräches mit Carmen Rivera:

Hier klicken für den Video-Mitschnitt.

PiggyBankGirls: Erotic Crowdfunding for Girls

Sascha Schoonen, CEO der Plattform, konnte nicht selbst zur Veranstaltung erscheinen, war vielleicht ja auch einfach zu teuer. Sie präsentierte per Video-Clip die Crowdfunding-Website piggybankgirls.com – Hier können Mädchen und Frauen ihre finanziellen Probleme überwinden, indem sie erotisches Crowdfunding betreiben: Sie erstellen einen Clip, in dem sie erklären, wofür sie das Geld brauchen, egal ob es sich dabei um ein Tierschutz-Projekt oder ein neues Auto handelt und schnüren verschiedene Dankespakete („Perks“) erotischer Natur (getragene Schlüpfer, Videos mit erotischem Inhalt, …), die die Spender für ihre Spende bekommen. Die Idee dahinter ist, die Akteurinnen, die durchaus auch professionell im Business arbeiten können, unabhängiger zu machen und sie in höherem Maße an den Einnahmen zu beteiligen als das in der Branche üblich ist. Letzten Endes war die Präsentation natürlich Werbung. Ob das am Ende alles so gut funktionieren wird und ob nicht durch die Verheißungen schnellverdienten Geldes und dadurch, daß es so genauso leicht wird, selbstgedrehte Sexvideos zu verkaufen wie selbstgestrickte Socken auf e-bay und dadurch, daß die Hemmschwelle etwas zu stark sinkt auch Mädchen zu Erotikproduktionen gebracht werden, die sie hinterher bereuen werden und warum an die Jungs hier weniger gedacht wurde sind Dinge, die noch zu klären wären.

XXXPLICIT. Von Porn Tubes zum Online Sex Working

Gäste: Roy Klabin (Dokumentarfilmer und Investigativreporter, USA), Dr. Nishant Shah (Forscht in digitaler Politik & sexueller Identität, IN), Liad Hussein Kantorowicz (Darstellerin und Sexarbeit-Aktivistin, Peers bei Hydra, IL/DE), PG Macioti (Beraterin bei Hydra e.V., board member ICRSE, x:talkproject, IT/DE). Moderiertt von Francesco Warbear Macarone Palmieri (Sozio-Anthropologe, Sexualgeograph :), Kulturproduzent, IT/DE).

Die Kurzreferate der Gäste und die Podiumsdiskussion schlugen einen großen Bogen. Wie auch bei dem Gespräch mit Carmen Rivera empfiehlt es sich, dem Mitschnitt zu lauschen. Betrachtet wurde das Konsumentenverhalten (und zu den Konsumenten gehören fast alle, auch die Theoretiker) im sozialen und kulturellen Kontext (Nishant Shah); auch in Schwellenländern, Zusammenhänge mit verschiedenen gesellschaftlichen Tabus, Liebe und Romantik. Interessante Netzphänomene wie isitporn.com und pornfortheblind.com. Die neue Pornographie wären Dinge wie Scham-Pornographie; hier wurde der Tod von Amanda Todd genannt, die ein Youtube-Video veröffentlichte, bevor sie sich wegen Mobbings das Leben nahm; die Verbreitung von Pornographie die so weit geht, daß auch Minister beim Pornogucken während Parlamentssitzungen erwischt werden, … Roy Klabin sprach über die Porntubes. Der Internet-Nutzer verbringt im Durchschnitt 38,5% seiner Netz-Zeit mit Pornos. 95% aller Porntubes und ein Großteil der Pornobranche sind fest in der Hand der Firma Mindgeek. Sie hat es geschafft, die ganze Branche zu kontrollieren. Sie gräbt durch ihre kostenfreien Pornoclips auf den Tubes den Produzenten die Klienten ab, kauft dann Bestände pleite gegangender Produktionsfirmen auf und verleibt sie ihrem enormen Fundus ein. Die Tubes sind so verbreitet, daß zum einen Produktionsfirmen die bekannt bleiben wollen, dort präsent sein müssen, zum anderen profitiert Mindgeek gleichzeitig von Raubkopien, die ihre Nutzer hochladen. Ein riesiges parasitäres Unternehmen, gegen dessen Geschäftsgebaren kaum ein Gericht vorgeht. Wege aus diesem Dilemma wären z.B. Zusamenschlüsse der Produzenten, vor allem aber bei Weiterenwicklungen des Online-Porno eine Vorreiter-Rolle zu übernehmen und dabei schrittweise und überlegt vorzugehen. Kantorowicz und Macioti gehen im Schwerpunkt auf Auswirkungen für Darstellerinnen und Sexarbeiterinnen ein. Auch deren Arbeitsleben wird vom Internet grundlegend verändert. Auf der einen Seite ist Geld verdienen online sicherer, auf der anderen ist die Gefahr von Stigmatisierung größer und das Abrutschen von Sexcam-Frauen in die Prostitution wird dadurch gefördert, daß die entsprechenden Portale zunehemend die Option anbieten, die Frauen zu treffen. Viele Arbeiterinnen werden mangels Medienkompetenz von Mittelsmännern finanziell ausgebeutet, so daß z.T. nur 25% des Umsatzes übrig bleiben (Anm.: Hey, Open-Source-Community, wollt ihr da nicht mal aushelfen?).

RECLAIM THE PORN!

Mitschnitt des Panels:

Hier klicken für den Video-Mitschnitt.

Ein einzigartiges Labor

Von Seda Niğbolu und Ulf Schleth

Berlin Atonal: David Borden mit einem Mitglied des Mother Mallard Ensemble.

Weniger laut aber auch sehr schön: David Borden mit einem Mitglied des Mother Mallard Ensemble. Foto: Ulf Schleth

Experimentelle Musik gibt es viel in Berlin, aber kein zweites Festival wie »Berlin Atonal«. Am Sonntag endete im Kraftwerk die dritte Ausgabe seit der Wiederbelebung 2013. Mit Haut und Haaren hat sich diese Reihe den (musik-)ästhetischen Entwicklungen im postindustriellen Zeitalter verschrieben. Das galt schon in der avangardistischen Phase »nonkonformer Musik« in den 80ern, in der Bands wie Einstürzende Neubauten oder Malaria! für Aufruhr sorgten. Und auch für die nachfolgenden Jahre im Tresor des Festival-Gründungsvaters Dimitri Hegemann, der bis heute Chef ist.

Die lange Tradition war in mächtigen Klanggebilden gegenwärtig. Noise, Industrial, Dark Ambient und experimenteller Techno standen auf dem Programm, schrille Synths und vibrierende Bässe von Lustmord oder Clock DVA, Russell Haswell oder Bitstream. Neben Konzerten und DJ-Sets gab es Filmvorführungen und Installationen. Die überragende Rolle aber spielte an den fünf Tagen das ehemalige Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße, das heute auch die Clubs Ohm und Tresor beherbergt – schon von den Dimensionen her einer der beeindruckendsten Veranstaltungsorte der Stadt.

Die imposanten Räume schafften einigermaßen Abhilfe, was die mangelnde Durchschlagskraft von Livepräsentationen Laptop-basierter Musik angeht. Überall konnte man den Sound atmen und spüren. Viele Konzerte waren von visuellen Shows begleitet, und nicht wenige – wie »Immediate Horizon« von Alessandro Cortini und Lawrence English – Premieren. Manche Visuals starrte man allerdings nur an, weil man keine Wahl hatte. Weil sie zehn Meter hoch waren, sich bewegten und deshalb präsenter als die Performer waren. Mitunter fragte man sich schon, ob das Glotzen auf einen riesigen Bildschirmschoner nicht doch unangemessen ablenkt. Gleichwohl hätte man schon gern erfahren, von wem die Filme stammten. Leider ließen sich viele Namen mitwirkender Künstler weder auf der Website noch im Programmheft finden.

Aufgrund von glasklaren musikalischen Richtlinien reihten sich an manchen Tagen sehr ähnliche Konzerte aneinander. Da kam es schon mal zu eintönigen Stunden, alles verschluckenden Bässen oder taub machenden Drones, alles ewig tief, alles ewig dunkel. Für bitter nötige Abwechslung sorgten Musiker, die die Bühne auch körperlich meisterten. Das waren etwa Faust mit Tony Conrad oder Urgestein David Borden mit seinem Mother Mallard Ensemble, der seine Historienmalerei der Synth-Musik mit Elementen der Gegenwart zu einem Klangabenteuer verwoben hat, einem akustischen Film vor dem inneren Auge des Besuchers.

Die Klänge angemessen differenziert wahrzunehmen, war nicht immer ganz einfach im absorbierenden, vernebelten Raum des Kraftwerks. Manchmal verstärkten Hall und Echo das Problem noch. Feinheiten wurden nivelliert, Details in Stücken von Ben Frost oder Alessandro Cortini entfielen. Bei vereinnahmend aggressiven Sounds wie denen von Samuel Kerridge spielte das nicht so die Rolle, solche Musik lebt vom Bombastischen. Wenn ein Musiker aber komplex und mit weniger Lautstärke daherkam, bereitete das Zuhören Schwierigkeiten. Und dann wurde auch noch so lautstark diskutiert, als wäre man bei einer Galerieeröffnung und nicht auf einem Konzert.

Auch in solchen Momenten war das »Atonal« letztlich eher eine große Klanginstallation als eine Aneinanderreihung einzelner Auftritte. Ein einzigartiges Labor, das man je nach Laune betrat und wieder verließ, um sich über die Lage der zeitgenössischen elektronischen Musik zu informieren, Hörgewohnheiten zu hinterfragen, sich inspirieren zu lassen. Ein konzentrierter Erlebnisraum, in dem Entwicklungen der Stadt und eines gewissen Teils der internationalen Musikkultur reflektiert wurden. Für ein Festival ist das sehr viel. Die Tage waren intensiv, manchmal atemberaubend schön, manchmal vom ungeduldigen Warten auf die Zukunft geprägt und, wie eines der wenigen Kinder im Publikum anmerkte, »ganz schön laut«.

Dieser Text erschien am 26.08.2015 in der “jungen Welt”.

An die Geräusche!

Von Seda Niğbolu und Ulf Schleth

Virtuosität ohne Action: Der global arbeitende Videokünstler Lillevan bei seinem gemeinsamen Auftritt mit dem Musiker Fennesz

Virtuosität ohne Action: Der global arbeitende Videokünstler Lillevan bei seinem gemeinsamen Auftritt mit dem Musiker Fennesz. Foto: Ulf Schleth

Letzte Woche fand in Berlin zum dritten Mal nach einjähriger Pause das Festival A L’ARME! statt, das sich selbst als “International Jazz & Soundart Meeting” bezeichnet, dabei aber auch eine Menge fürs Auge zu bieten hatte. An vier Tagen waren internationale Musiker mit Jazz-Experimenten, elektroakustischer Klangkunst, audiovisuellen Performances und zeitgenössischer Choreographie zu genießen. Unter der künstlerischen Leitung von Louis Rastig hatte jeder Abend für sich eine sehr gut konzipierte Einheit. Mal voller poetischer Schönheit, mal gefüllt mit herausfordernden Improvisationen.

Zum “Grand Opening” in Berghain entlockte Mette Rasmussen ihrem Altsaxophon eine Vielzahl von Geräuschen: Flattern, Zirpen, Pfeifen, clowneske Hüpfgeräusche. Sie benutzte Plastikwasserflaschen, Pappbecher und Trommelfelle als Dämpfer und schuf so neue Resonanzen. Sie machte aus ihrem Instrument einen Klangzirkus und schaffte es trotz aller Vergnüglichkeit und Akrobatik eine nachdenkliche kleine Geschichte zu erzählen. Später am Abend begegneten sich erstmalig zwei amerikanische Größen. Die aus den Tiefen der Erde dröhnenden Alt-Sax-Sirenen von Colin Stetson verschwammen mit E-Bass Rythmen von Bill Laswell. Die viel zu laut aufgedrehten Boxentürme und die direkt auf die Augen der Besucher gerichteten Lichtorgeln im Berghain beeinträchtigten das musikalische Erlebnis ein wenig, auch wenn sie das kontrollierte Chaos des Jazz-Metal Trios Zu gut zur Geltung brachten.

Mit luftigen Räumen am Wasser, unaufdringlichem Charakter und Sitzgelegenheiten war das Radialsystem V sehr gut geeignet für den Rest des Festivals, das viel Konzentration bedurfte. Es war schön, dort die 4 Frauen der dänischen Gruppe Selvhenter zu erleben. Die krachigeren Jazzformationen sind sonst immer noch zu stark männlich geprägt. Ganz ohne Gitarren integrieren Selvhenter Einflüsse wie Noise, Punk oder Metal in ihren Sound. Es ist erfreulich, dass es in der jüngeren Generation der experimentellen Musik immer mehr Frauen gibt, anders als in den früheren Jahren der Feministin Irène Schweizer, die live zu erleben war. A L’ARME! ist gelungen, die Vielfalt der zeitgenössischen Klangexperimente zu reflektieren. Doch der Anspruch einer spielerischen Interdisziplinäritat, der A L’Arme ausmacht, wurde am besten durch die Tanzperformanzen im Programm präsentiert.

Das Tanzstück Marzo (italienisch für März) der italienischen Tanzcompagnie “Dewey Dell” spielte mit den Gefühlen und Sinnen der Zuschauer. Im Innern eines Kraters erleben sich in Konvulsionen bewegende mikrobenhafte Wesen aus der Zukunft den kriegerischen Monat März: There exists an ambiguous and disorientating force that, in the most absolute way, contains within itself the spectrum of human emotion.” Ein verwirrendes, sehr überzeugendes Stück. Die Schauspieler steckten in den poppigen Sci-Fi Kostümen von Yuichi Yokoyama, die eine Symbiose aus Power Rangers, Marshmallow Man und Takeshi’s Castle sein könnten. In der vereinnahmenden Klangkunst von Demetrio Castellucci trafen sich die Mikroben aus einer anderen Zeit mit den Zuschauern der Gegenwart.

Nach der futuristisch-filmischen Darbietung von „Marzo“ wurde es mit exFolia emotional direkter und roher. Ein schlammverschmiertes, in Zeitungfetzen gewickeltes weibliches Urwesen erinnerte gleichzeitig an die Überforderung und die Vitalität des Daseins. Die Spannnung zwischen der Musik auf der Bühne, vor allem Andy Moor’s (von The Ex) verzerrte Gitarren und der nackten Existenz der Tänzerin Marcela Giesche war ein kräftiger Ausdruck der Körperlichkeit beider Disziplinen, die miteineinander verschmolzen. Als Moor, Ken Vandermark und Paal Nilssen-Love dann mit der äthiopischen Gruppe Fendika, begleitet vom vehementen Tanz deren Performer improvisierten, kamen Symbolik und Rituale unterschiedlicher Welten zusammen. Ohne Exotisierung, natürlich und explosiv. Damit erreichte das Festival zum Finale den Höhepunkt der Freiheit, der endlich auch den Tanzwillen des Publikums entfesselte.

Die Bestrebung des Festivals, die Disziplinen zu verschmelzen ist eine sehr Wichtige, die aber immer noch von einem relativ kleinen offenen Publikum geschätzt wird. Für ein Grossteil der Liebhaber experimenteller Musik ist “Jazz” wegen der Vorurteile gegenüber “Elitärem” und “Klassischen” immer noch ein unentdecktes Land. Umgekehrt ist es auch nicht besser. Viele haben die pastorale Elegie von Fennesz und Lillevan’s Mahler-Remixen zu früh verlassen. Sie haben entweder nur “Lärm” wahrgenommen, oder hatten ein anderes Verständnis von Virtuosität, bei der auf der Bühne mehr “passieren” muss. Die hohen Preise machen den Zugang für Nicht-Kenner nicht einfacher. Natürlich gibt man sein Geld (circa 30 euro am Tag) lieber für Bewährtes wie das Drone Ritual von Sunn O))) aus, als ein Risiko einzugehen und sein Geld für die Programmpunkte auszugeben, die Zukunftsforschung betreiben. Es ist zu hoffen, dass A L’ARME! in den kommenden Jahren mehr Förderung erhält, um noch mehr Leute anziehen zu können, die Freude an musikalischer Entdeckung und Innovation haben.

Dieser Text erschien in der “jungen Welt”.

Sieben Tage Istanbul

von Ulf Schleth

Ein Wahllokal in einer Istanbuler Grundschule. Auch hier darf Atatürk nicht fehlen.

Ein Wahllokal in einer Istanbuler Grundschule. Auch hier darf Atatürk nicht fehlen.

1. Juni 2015. Zufällig deckt sich der zweite Jahrestag der Gezi-Proteste mit einer Hochzeitseinladung. Der erste Flug nach Istanbul. Schon bei der Landung zeigt sich die immense Größe der Stadt, die mit über 14 Millionen Einwohnern fast ein Fünftel der türkischen Bevölkerung beherbergt und immer weiter wächst, genau wie ihre Bedeutung für das politische Leben der Türkei. Die Fahrt zur Unterkunft in Kadıköy, dem Kreuzberg Istanbuls, zeigt die ganze Schönheit der Stadt am Bosporus, aber auch das starke soziale Gefälle. Ehrgeizige Neubauprojekte; bombastische Bürotürme, riesige Shopping-Malls und „Residenzen“ ragen in den Himmel, grosse Wohnanlagen, bei denen vom Supermarkt bis zum Fitnessstudio alles eingebaut ist, außer einem Krematorium. Der Bauwahn gentrifiziert und zerstört Kommunen, was einer der Auslöser für Gezi war.

2. Juni. Nach dem Aufstehen wird zuerst die Warnung davor ausgesprochen, das Wasser aus der Leitung zu trinken. Es riecht nach Schwimmbad. Nach Chlor. Statt Kläranlagen zu bauen, werden die Bakterien so in Schach gehalten. Der Papiermüll von gestern muß weg. Fehlt nur der Papierkorb. Mülltrennung ist Ausnahme. Draußen fällt ins Auge, daß Leute Personenwaagen am Gehweg aufstellen und ihre Dienste anbieten. Eine schöne Idee. Wenigstens für jene, die wissen wollen, wieviel sie wiegen.

3. Juni. Das türkische CNN hat Humor. Es läuft ein Interview mit einem angesehenen türkischen Veterinär, der den zahlreichen Straßenkatzen der Stadt empfiehlt, Transformatoren fernzubleiben. Seit der Kommunalwahl 2014 ein running Gag. Damals wurde ein landesweiter Stromausfall von Regierungsseite damit erklärt, daß eine Katze in den ‪‎Trafo eines Kraftwerks geraten sei.

4. Juni. Endlich ist es soweit. Braut, Bräutigam und ihre Eltern haben keine Kosten und Mühen gescheut, die Hochzeit zu einem einmaligen Erlebnis werden zu lassen. Das Glück in ihren Gesichtern zeigt, daß das gelungen ist. Von der Bootstour zu Beginn bis zur Afterparty im “Anjelique”. Während das Brautpaar dank eines Sonderdeals seine eigenen Getränke mitbringen darf und weniger zahlt, stehen die Kinder der oberen Hunderttausend Istanbuls auf der Terrasse der Edeldisco, um sehen und gesehen zu werden. Niemand tanzt; trotz „world-famous DJ’s“. Als wir damit anfangen, gucken die anderen Gäste pikiert. Sie haben große silberne Pokale, gefüllt mit Eis und mehreren Flaschen bestellt. Eine Flasche Gin kostet umgerechnet 200 Euro. Beim Feiern sehen sie auf das malerische Marmarameer in dem man nicht schwimmen kann, weil Istanbul noch immer seinen Hausmüll darin versenkt.

5. Juni. Besorgnis zeigt sich auf den Gesichtern der türkischen Gastgeber. Bei Explosionen in der Stadt Diyarbakır sterben während einer Kundgebung der Demokratischen Partei der Völker (HDP) zwei Menschen, zahlreiche werden verletzt. Wird noch mehr passieren? Wer ist verantwortlich? Staatspräsident Erdoğan vielleicht? Kurz zuvor hatte er behauptet, alle hätten sich verschworen, um die HDP zu stützen: nicht nur die Opposition, sondern auch pro-armenische Kräfte und die Homosexuellen. Katzenwitze kommen diesmal erst später und nur von den Leuten mit so richtig tiefschwarzem Humor und denen, die auf diese Weise schlimme Erlebnisse verarbeiten.

Später am Abend Gespräche mit Freunden in einem Meyhane in Kadıköy, bei Rakı und leckeren Meze. Einige haben kemalistische Eltern, die hart gearbeitet haben, damit sie es einmal besser haben. Sie haben ihre Abschlüsse an europäischen Schulen in Istanbul und Universitäten in Europa gemacht. Sie waren bei Gezi dabei und sind sich einig – sie werden HDP wählen. Die HDP ist nicht nur prokurdisch, sie ist auch auf Seiten anderer Minderheiten; Mitglieder Ihres Vorstandes sind Vertreter der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). Alle sagen, daß es eine Änderung geben kann. Nicht wenige haben sich freiwillig als Wahlhelfer verdingt. Man will die Kontrolle nicht den AKP-Anhängern überlassen.

6. Juni. Bei einem ausgedehnten Spaziergang am Wasser entlang fallen schöne historische Gebäude ins Auge, die jedoch sämtlich in privater Hand sind. “Die Schönheit Istanbuls” sagt eine ganz besondere Freundin, “ist nicht zum Anfassen”. Wir laufen weiter bis in den islamisch-konservativen Stadtteil Fatih. Eine aus unserer Gruppe wird von einem Jugendlichen begrapscht. Es wird dunkel. Wir entfernen uns zügig. Wir wissen nicht, wieviele seiner Freunde in der Nähe sind und wollen kein Risiko eingehen. Alles in allem war dies noch ein harmloses Zeichen religiöser Doppelmoral.

7. Juni. Gegessen und auf das Wahlergebnis gewartet wird wieder in einem Meyhane. Alkohol ist am Wahltag verboten. Im zweiten Stock abseits der Fenster und abseits der Blicke des Ordnungsamtes dürfen wir dann doch etwas trinken. Dafür schmeckt das Essen nicht. Die AKP verliert ihre absolute Mehrheit. Die Freude ist groß, aber gelassen. Es gibt noch viel zu tun. Das weiß auch Ayşenur. Sie glaubt, es wird eine Koalition gefunden werden, die für mindestens zwei Jahre halten wird. Wenn es aber nicht innerhalb eines Jahres zu strukturellen Reformen kommt, wird es frühe Neuwahlen geben, glaubt sie. Für das Selbstbewußtsein waren die Wahlen jedenfalls hilfreich. Endlich hat die Übermacht der AKP Kratzer bekommen und Erdoğans befürchtete Präsidialdiktatur ist vom Tisch. Zumindest vorerst.

“Now we see that life can be actually fair…” hat Ayşenur gesagt. Daran denke ich noch auf dem Rückflug nach Berlin.

Dieser Text erschien am 13.06.2015 in gekürzter Version in der jungen Welt.

Mehr Interesse an Privatsphäre

von Ulf Schleth

Dass das soziale Netzwerk Diaspora keineswegs tot ist wie viele glauben, sondern im Gegenteil sehr vital, dürfte mittlerweile klar sein. Die Liste der Diaspora-Server, „Pods” genannt, wird beständig länger und wie lebendig an dem Netzwerk gearbeitet wird, lässt sich jetzt begutachten.

Gerade ist die Diaspora-Software in der neuen Version 0.5 erschienen. Sie bringt Fehlerkorrekturen, Verbesserungen für Privatsphäre und Layout mit sich und enthält eine Chat-Funktion, die jedoch bei vielen Servern noch ausgeschaltet bleibt, bis sie gründlich erprobt ist und fehlerfrei läuft. Auch die Mobilversion der Seiten und die „Föderation“, wie man die verschlüsselte Kommunikation der Diaspora-Pods untereinander nennt, wurden verbessert. Eine Kalender- bzw. Veranstaltungsfunktion steht bereits auf der Todo-Liste der Entwickler, ihre Umsetzung steht aber noch in den Sternen.

Die Funktion, Diaspora-Posts automatisch auch auf Facebook zu posten, fehlt jetzt. Aber nicht, weil die Entwickler sie rausgeworfen hätten. Sie wurde auf dem größten deutschen Pod Geraspora abgeschaltet, weil Facebook eine Email an dessen Betreiber Dennis Schubert geschrieben hat, in der man einen Weiterbetrieb der Schnittstelle an Bedingungen geknüpft hat wie z.B. daran, daß auf der Diaspora-Seite ein Button für das Facebook-Login zu finden sei. Die Entscheidung, die Verbindung zu Facebook zu kappen, wurde in Kommentaren von vielen Nutzern wohlwollend bewertet.

Es gibt viel Kritik an den großen sozialen Netzwerken wie Facebook und Google Plus. Katastrophaler Datenschutz und allgemeine Geschäftsbedingungen, die den Konzernen Rechte an den Daten der Nutzer übertragen schüren den Unmut von Nutzern. Im November 2014 wurden die Änderungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook angekündigt, die dem Konzern noch mehr Rechte einräumen sollten.

Diaspora
Diaspora wurde 2010 von vier Stundenten gegründet. Erst seit diese ihr soziales Netzwerk 2012 in ein Open-Source-Projekt umgewandelt haben, nahm es an Fahrt auf, obwohl es gleichzeitig vom Radar des öffentlichen Interesses verschwand.Auf Datenschutz und das menschliche Grundrecht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung wird in Diaspora viel Wert gelegt. Die Daten der Benutzer werden dezentral gespeichert und wer will und kann, ist in der Lage, sich einen eigenen Netzwerkknoten zu installieren, so daß gewährleistet ist, daß die privaten Daten auf der eigenen Festplatte liegen. Wem das technische Knowhow oder die Lust dazu fehlt, kann einen Server des Vertrauens auswählen.

Das was folgte, nannte man auf Diaspora, dem bekanntesten der unabhängigen Facebook-Konkurrenten, „die Welle”. Bis zur letztendlichen Umsetzung der AGB am 30. Januar 2015 stieg die aktive Benutzerzahl sämtlicher Diaspora-Pods von 22.477 auf 34.667 an. Von diesen Neuankömmlingen haben sich die meisten nur einmal umgesehen und sich, vermutlich weil ihre Freunde nicht gleich mitgezogen sind, sofort wieder verabschiedet. Geblieben sind nach Aussage von Dennis Schubert allein auf Geraspora ca. 1000 der neuen Nutzer.

Echte Alternativen sind Open Source

Dazu, eine wirkliche Alternative zu Facebook zu sein, gehört mehr, als nur einen Server zur Verfügung stellen und Werbefreiheit zu versprechen. Die kleineren sozialen Netzwerke wie Diaspora, GNU social und Friendica verbindet, daß ihre Sofware quelloffen, also „Open Source” ist und alle etwas zur Verbesserung ihres Netzwerkes beitragen können, solange sie programmieren können. Ihre Netzwerke gehören allen und niemandem zugleich, statt einem Konzern der darauf angewiesen ist, Geld mit seinen Benutzern zu verdienen.

Wie kommt es aber dazu, dass viele der unzufriedenen Facebook-Benutzer am Ende doch auf dem Netzwerk bleiben? Weil Diaspora nicht alle der Facebook-Funktionen anbietet? Kaum vorstellbar, daß es Menschen gibt, die wegen ein paar Funktionen auf ihr Privatsphäre verzichten.

Wahrscheinlicher ist es, daß das mit dem Totschlagargument der sozialen Netzwerke zu tun hat: Wenn die eigenen Freunde oder Follower nicht gleich mit ziehen, fühlt man sich allein und verlassen. Es geht in sozialen Netzwerken schließlich nicht nur um intellektuellen Austausch, sondern in erster Linie um Bequemlichkeit, ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung und den damit verbundenen sozialen Zwang, den Herdentrieb. Nur wenige trauen sich, ihr digitales Rudel zu verlassen.

Dennis Schubert, Mitglied des Kernentwicklerteams sieht das entspannt: „Uns geht es nicht darum, eine Alternative zu Facebook sein.” Und das ist auch nicht nötig. Diaspora ist anders als Facebook. Es bildet nicht alle Facebook-Funktionen nach. Die Stimmung auf Diaspora wird als plauschiger, die Debatten in der Regel gehaltvoller als auf Facebook wahrgenommen und Neuankömmlinge, die sich an die Eigenheiten von Diaspora gewöhnt haben, finden schnell neue Freunde durch das abonnieren von Hashtags wie #cartoon, #vegan oder auch #polizeigewalt, je nach Interessenlage. Auch die taz betreibt ein experimentelles Profil.

Dieser Artikel erschien am 22.05.2015 auf taz.de.

„Tränengas olé!“

von Ulf Schleth

Deniz Yücel "Taksim ist überall" - Cover

Der islamische Staat steht vor seiner Haustür und Recep Tayyip Erdoğan, dem Präsidenten der Türkei, fällt nichts besseres ein, als unter Berufung auf eine sehr eigenwillige Interpretation von Kolumbus‘ Tagebüchern zu verkünden, daß muslimische Seefahrer Amerika schon vorher entdeckt hätten. Nicht, daß das jemanden wundern würde; die Weltöffentlichkeit ist solche Späße von Erdoğan gewohnt. Ist er ein Dadaist mit ausgeprägter Profilneurose, oder er will ablenken? Und wen könnte er ablenken wollen? Die Weltöffentlichkeit? Seine eigenen Anhänger?

Daß es in der Türkei viele Menschen gibt, die ihn ganz und gar nicht spaßig finden, wissen wir spätestens seit Mai 2013. Es begann mit Protesten gegen ein Bauprojekt auf dem Gelände des an den Istanbuler Taksim-Platz angrenzenden Gezi-Park. Der zivile Widerstand wuchs sich zu einer Bewegung gegen die türkische Regierung, ihre Polizeigewalt und Korruption aus. Realitätsfern wie üblich mutmaßte Erdoğan hinter alledem eine große Verschwörung von Zionisten, der USA, dem Internet und einfach allem. Kein Grund zu verzweifeln. Deniz Yücel, 1973 als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geborener taz – Redakteur, hat aufgeschrieben wie es wirklich war.

„Taksim ist überall“ ist im März diesen Jahres erschienen und hat durch die neueren Entwicklungen noch an Relevanz gewonnen. Yücel führt in die türkische Geschichte ein, wobei er auch den Völkermord an den Armeniern nicht ausläßt und widmet wichtigen politischen Schauplätzen jeweils ein Kapitel. Er spricht mit Kurden in Tarlabaşı, mit Schauspielern in Cihangir, mit Fußballfans in Beşiktaş, mit anarchistischen Muslimen in Fatih, mit einer Familie in Antakya, mit der türkischen Hackergruppe RedHack, mit Homosexuellen und Geschäftsleuten. Er hat mit etwa hundert Menschen gesprochen. Quer durch die sozialen Schichten der modernen Türkei. Er verleiht damit dem Protest ein Gesicht. Erst die Gezi-Bewegung hat vielen Westeuropäern klar gemacht, was die Türkei ist und worum es dort geht.

Die Türkei hat eine Schlüsselposition als Verbindung zwischen der asiatischen, westlichen und arabischen Welt inne. Ein großer Teil ihrer Bevölkerung wehrt sich gegen eine Regierung, die sich selbst bereichert, die Schritt für Schritt die Errungenschaften der Säkularisierung über Bord wirft und in die Privatsphäre ihrer Bürger hineinregiert. Deshalb war Gezi so wichtig: Die türkische Bevölkerung trat auf breiter Front ins Licht der internationalen Öffentlichkeit um zu zeigen, daß sie ihre Freiheit gern behalten würde, anders als ihr geistig umnachteter Präsident mit seinen neo-osmanischen Anwandlungen es gern hätte. Der machte schon 1998, in seiner Zeit als Istanbuler Oberbürgermeister klar, wo er hin will: „Die Demokratie ist nur ein Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

„Taksim ist überall“ ist ein sozialpolitscher Reiseführer durch die türkische Psycho- und Topologie. Die Lektüre hilft dem Leser, zu verstehen oder wenigstens zu erahnen. Wie es zum absoluten Wahlsieg von Erdoğan und seiner AKP kommen konnte, die jetzt über 48% Andersdenkender herrschen, warum Istanbul so wichtig für die Türkei ist und daß Personenkult Tradition hat in der türkischen Politik. Aber auch wie facettenreich die politische Kultur in der Türkei ist. Sauber recherchiert werden Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaft erklärt, wie Korruption beide miteinander verbindet und wie in der Türkei (Selbst-)Zensur funktioniert. Und wie die neue Qualität zivilen Ungehorsams zustande kam, die die Gezi-Proteste mit viel Humor etablierten. Die Demonstranten riefen noch mit rotgeheulten Augen „Tränengas olé!“.

Vorwerfen könnte man Yücel allenfalls, daß er den Leser mit zu vielen Namen und Einzelschicksalen zu überfordern droht. Daß er noch mehr hätte erklären und auf das offensichtliche hinweisen können. Er verzichtet zugunsten der Authentizität. Eine Übersetzung ins Türkische wäre wünschenswert. Sie ist nach Aussage des Autoren nicht ausgeschlossen, könnte aber an dem Mißtrauen scheitern, das einige fragwürdige Publikationen zum Thema beim türkischen Publikum hervorgerufen haben.

Die Situation in der Türkei spitzt sich weiter zu: Am 24. November faßte Erdoğan auf einer Rede vor einem türkischen Frauenverband etwas in Worte, wovor sich viele türkische Frauen fürchten; daß die Gleichberechtigung wohl keine so gute Sache sei, denn Mann und Frau hätten nunmal unterschiedliche Körper und Eigenarten. Etwas, das Muammar al-Gaddafi in seinem „Grünen Buch“ ganz ähnlich formulierte. Währenddessen wirkt die Regierung in Ankara hilflos. Statt Gezi als eine Chance zum Wandel zu nehmen, regiert sie gegen den Willen fast der Hälfte ihrer Bürger und fliegt Luftangriffe auf Kurden, die gegen die IS Stellung bezogen haben. Die drohende Kulisse eines Bürgerkrieges wird immer realistischer.

Edition Nautilus, ISBN 978-3894017910, EUR 14,90

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Dieser Text erschien am 5.12.2014 in redigierter Version in der „jungen Welt„.

Diaspora schlägt Ello

von Ulf Schleth

Was ist die schlauere Alternative zu facebook?

Was ist die schlauere Alternative zu facebook? Bild: geralt/pixaby

Ello ist in aller Munde. Scharenweise ziehen die User um. Das zeigt zumindest, dass eine große Unzufriedenheit mit dem größten aller sozialen Netzwerke besteht. Aber warum ausgerechnet zu Ello?

Ello sieht gut aus und die Nachricht über das neue soziale Netzwerk verbreitet sich viral. Das scheint vielen auszureichen, um es sich bei Ello häuslich einzurichten. Aber es werden jetzt schon die ersten kritischen Stimmen laut, vor allem wegen der mangelnden Funktionen zum Schutz der Privatsphäre.

Ello kommt ohne Anzeigen aus und das soll auch so bleiben. Aber wie lange geht das gut, bei einem unklaren Finanzierungskonzept? Wie wird Ello Firmen davon abhalten, sich Profile zuzulegen und die Benutzer mit Spam zu belästigen? Und letztendlich ändert sich nichts am Grundkonzept: Die Daten der Benutzer lagern zentral auf den Ello-Servern und sind damit der Willkür der Ello-Eigentümer ausgeliefert. Solche Bedenken lassen sich nicht durch Sätze wie dem beseitigen, den Ellos Co-Initiator Paul Budnitz von sich gegeben hat: „Wenn du ein Problem mit Ello hast, mußt du es nicht benutzen.“

Vielen unzufriedenen Facebook-Benutzern scheint Ello die einzige Alternative zu sein. Aber es gibt mehr davon. Die größte und bekannteste ist Diaspora. Ein Projekt, das allgemein für gescheitert gehalten wird, weil es still darum geworden ist. Aber Diaspora ist alles andere als tot. Nach einigen Schwierigkeiten in der Entwicklung der Software und dem tragischen Selbstmord des Mitbegründers Ilja Zhitomirskiy im November 2011 beschloss das Entwicklerteam im August 2012, das gesamte Projekt an die Open-Source-Gemeinde zu übergeben. Damit begann das zweite Leben des Projektes.

Keine Realnamenpflicht

Das Bahnbrechende an Diaspora ist, dass der Benutzer selbst entscheiden kann, wo er seine Daten lagert. Er kann sich einen eigenen Server installieren. Wenn er nicht das nötige Know-How hat, oder sich schlicht nicht die Arbeit machen will, kann er sein Profil auf einem der zahlreichen öffentlichen Diaspora-Server, den sogenannten Pods anlegen; egal ob in Deutschland oder in Australien.

Datenschutz war von Anfang an einer der wichtigsten Gesichtspunkte in der Diaspora-Entwicklung. Wenn der Benutzer nicht explizit angibt, dass seine Daten öffentlich sein sollen, sind sie es auch nicht. Wenn er nicht gefunden werden möchte, wird er es nicht. Eine Realnamen-Pflicht gibt es hier nicht. Und vor allem ist zu allen Pods eine verschlüsselte Verbindung möglich.

In den vergangenen zwei Jahren hat die Entwicklergemeinde im stillen Kämmerlein gearbeitet. Nach Aussage des Presseteams sind das eine Handvoll Kernentwickler und 271 Programmierer, die sporadisch Code zu einzelnen Modulen und Funktionen geliefert haben. Sie haben weite Teile des chaotischen Programmcodes refakturiert, das heißt neu geschrieben. Neu ist der Code für das Benutzerinterface, für die Funktionen gegen Spam und Missbrauch, für die Verwendung mit Mobilgeräten, die Benachrichtigungen, Umfragen und viele weitere Bereiche.

New York Times und Fefe

Diaspora verfügt derzeit über 54.000 aktive Benutzer (von über einer Millionen registrierten), Tendenz steigend. Allein den größten deutschen Pod Geraspora verwenden 8.400 aktive Benutzer. Darunter sind viele Nerds und Künstler, aber auch größere Medienunternehmen, wie die New York Times und private Netzprominenz wie Fefes Blog. Natürlich sollte man hier nicht zuviel erwarten. Die Anzahl der Angebote richtet sich wie überall nach der der Nutzer. Für Leute, die nicht mehr durch ihre Facebook-Timeline durchblicken, genau das Richtige.

Dabei funktioniert Diaspora wie eine Mischung aus Facebook und Twitter. Die Implementierung von Hash-Tags ähnelt Twitter sehr. Das Finden von Bekannten funktioniert, wenn sie ihren Account nicht auf demselben Pod haben, manchmal nur mit Verzögerung. Hier werden die Entwickler sicher nacharbeiten.

Diaspora funktioniert schon jetzt wesentlich besser als Ello und hat eine Datenstruktur, die dem Benutzer erlaubt, selbst über seine Informationen zu verfügen. Natürlich ist Diaspora nach wie vor in der Entwicklung. Aber je mehr Benutzer Diaspora hat, desto mehr Entwickler gibt es und umso mehr kann auf die Wünsche der Benutzer eingegangen werden – und das ist das schöne an Open Source.

Dieser Artikel erschien am 12.10.2014 auf taz.de.